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Andere Lande (4. Abschnitt)


In welchem über die Lande berichtet wird, die das Reich umgeben, sowie von deren Fährnissen und Triumphen.

„Ich habe nun viel von euch über unser Reich und die Kirche gehört, Meister. Und manchmal weiß ich jetzt nicht mehr, ob Gott uns mit diesem Schicksal segnen oder strafen wollte.“ „Lieber Anton, der Menschen Wirken, und von mehr habe ich nicht berichtet, trägt häufig den Keim von beidem in sich. Ferner glaube ich, daß Gott einen ganz eigenen, uns unbekannten Ratschluß über das fällen wird, was wir uns in diesem Saeculum bereitet haben.“ „Ist denn anderen Reichen des Weltkreises ein ähnliches Auf und Ab zuteil geworden wie dem unsrigen?“ „Aber ja, lieber Anton, überall sind Narrheit und Weisheit gleich nah beieinander versammelt. Möchtest du mit mir eine Rundschau halten?“ „Gern, lieber Meister, doch wo beginnen...?“ „Laß es uns mit dem Lauf der Sonne halten, dabei jedoch mit dem Teil der bewohnten Erde beginnen, der uns am nächsten liegt und daher auch oft Einfluß auf uns hat – dem Norden!“


„Also die Dänen!“ „Ja, auch die Dänen, die bereits ganz am Anfang unseres Gespräches standen (1. Abschnitt). Der Großvater unseres Grafen Johann II., Adolf IV., wird es vielleicht nicht geahnt haben, doch die verlorene Schlacht von Bornhöved 1227 und der anschließende Gebietsverlust begannen, den Einfluß Dänemarks im Norden bis heute zu schwächen. Der Vater des jetzigen Königs, Christoph I. (1219-1259), mußte seinen Herrschaftsanspruch ständig gegen die Nachkommen des erwähnten Abels I. (1218-1252) verteidigen und sich ebenfalls mit der erstarkenden Kirche auseinandersetzen. Nach Christophs Tod war es hauptsächlich seine Gemahlin Margarete (1230-1282), die Mutter unserer Gräfin, die das Königtum ihren Erben sicherte. Wenn du dich erinnern magst - die Wellen dieser Erbstreitigkeiten schlugen 1261 sogar bis an unser Kieler Stadttor (1. Abschnitt). Christophs Sohn und Nachfolger, König Erik V. (1249-1286), Bruder unserer Gräfin Margarete, mußte gerade (1282) seinen Adeligen eine ‚Magna Charta‘ unterzeichnen, die ihnen Mitsprache bei der Gesetzgebung und weitere Privilegien gestattet. Nein, Anton, die dänische Herrschaft ist im Moment nicht so sattelfest, wie man es seinem nächsten Nachbarn wünschen sollte.“
„Also genau wie bei den Schweden...“ „Hier sind deine Kenntnisse veraltet. Du hast zwar recht – beinahe ein Saeculum lang (1130-1222) haben dort die Geschlechter der Sverkers und der Eriks um den Thron gerungen. Doch 1222 und 1250 starben die letzten Herrscher dieser Linien. Ein fähiger Ministerialer am Königshof, dort ‚Jarl‘ genannt, aus dem Geschlecht der Folkunger, verhalf seinen Söhnen danach zur Krone. Die stritten sich zwar zunächst auch um die Macht, doch seit 1275 ist der jüngere der beiden, Magnus I. (1240-1290), schwedischer König. Magnus I. hat einen Ritterstand eingeführt, der seinen Namen verdient, der Kirche Steuerfreiheit gewährt und ist insgesamt ein Herrscher weitsichtiger Reformen.“


„Da oben gibt es doch noch so ein Wikingerreich...“ „Aber Anton! Du meinst das Königreich Norwegen! Aus Sicht der Kirche magst du natürlich recht haben, denn die Sitten dort oben sind rauh und im Gegensatz zu unseren südlichen Gefilden hat es dort ein starkes Erbkönigtum gewagt, sogar den Päpsten zu trotzen. Dem Stammvater des jetzigen Königs, Sverrir (†1202) gelang es, für sich und seine Erben die weltlichen Herrscher über den kirchlichen zu etablieren. Doch auch Norwegen hatte noch bis vor kurzem einen großen Wandler der Sitten mit Namen Magnus an der Macht. Magnus VI. (1238-1280) war ein Urgroßenkel jenes Sverrir. Er hat die norwegischen Kriegszüge gegen das schottische Inselreich beendet und ein solides Abgabensystem eingeführt. Auch hat er ein neues Land- und Stadtrecht geschaffen und endlich den unseligen Zwist mit Bischöfen und Papst beigelegt (1277). Sein Sohn Erik II. (1268-1299) wird dieses begonnene Werk bestimmt fortsetzen. Du siehst also, Anton, daß auch die Fjorde nun in den Händen von guten Rittern und nicht länger von Wikingern ruhen!“
„Unsere Reise wendet sich also weiter nach Osten. Meister, welche Herrschaften grenzen dort an das Reich?“ „Lieber Anton, gerne hätte ich dir darauf eine einfache Antwort gegeben. Zunächst einmal erinnerst du dich hoffentlich noch an alles, was ich die über die Ostkreuzzüge erzählt habe (3. Abschnitt)?“ „Fast gänzlich, Meister.“ „So. Dann entsinnst du dich auch noch Herzog Konrads I. von Masowien, der 1226 die Ordensritter zur Hilfe rief?“ „Schon - aber Meister, worauf wollt ihr hinaus...“ „Nochmals Geduld, lieber Anton, ich versuche zu erklären: Das Gebiet, das wir ‚Polen‘ nennen, bildete sich aus einem Gemenge slawischer Stämme. Dennoch gelang es deren Anführern schließlich, ein Königtum zu formen (960). Das Gebiet blieb jedoch weiterhin uneinheitlich und die einzelnen Fürsten waren sehr stark und hatten ganz unterschiedliche, regionale Interessen. 1138 beschlossen die Adeligen, diesen Status zu formalisieren, indem sie das Königreich Polen de facto in ein ‚Seniorherzogtum‘ umwandelten. Danach stand ein ‚Seniorherzog‘ als ‚primus inter pares‘ (‚Erster unter Gleichen‘) den übrigen Herzögen vor.“ „Konrad I. von Masowien war also nur einer von mehreren polnischen Herzögen?“ „Du hast es verstanden! Ursprünglich sollte dieser Plan die Einheit Polens stärken, doch bislang hat sich kein Erfolg eingestellt. Häufig brachen sogar bei Erbfällen Kämpfe um das Senioramt aus und schon 1180 gab es einen vergeblichen Versuch, die Einteilung rückgängig zu machen. Die schlimmste Prüfung für die polnische Festigkeit war aber wahrscheinlich der Mongoleneinfall von 1241, der bis in ihr Herzogtum Schlesien vordrang.“ „Fast wäre die Goldene Horde damals doch sogar in unser Reich eingebrochen!“ „Ja – und deshalb starben auch deutsche Ritter gemeinsam mit dem schlesischen Herzog Heinrich I. nahe Lignitz, bei dem mißlungenen Streben, jene aufzuhalten. Nur Gottes Wunder hat uns bewahrt und die Mongolen zur Umkehr gezwungen, Menschenkraft hat es nicht vermocht. Übrigens wurde ebenfalls 1241 der jetzige Seniorherzog, Leszek II. († 1288)‚der Schwarze‘, geboren. Er stammt aus dem Geschlecht der Piasten und hat nach über hundert Jahren wieder die Idee der polnischen Einheit ins Auge gefaßt. Dazu muß er sich gegenwärtig viel mit Aufständen seiner Adeligen auseinandersetzen, die keinen starken Herrscher wünschen. Auch wird seine Herrschaft weiterhin durch die Mongolen in Frage gestellt, die noch immer seine Ostflanke bedrohen (weiterer Einfall 1287).“


„Die Mongolen bleiben eine Gefahr?“ „Oh ja, lieber Anton, wie du sogleich am nächsten Reich bemerken wirst, das wohl am schwersten unter deren Verheerungen gelitten hat, dem Königreich Ungarn. Und damit sind wir wahrscheinlich auch in der Weltgegend gelandet, die viel schlimmere Trümmer und Anarchien aufzuweisen hat, als das Interregnum in unseren Landen je anrichten konnte. Noch ist Ladislaus IV. (1262-1290), aus dem im Niedergang befindlichen Geschlecht der Árpáden, König von Ungarn. Seine Vorgänger, der Vater Stephan V. und sein Großvater Béla haben in einer bis 1266 andauernden Familienfehde das Land an den Abgrund gebracht, der schließlich auch noch die Mongolen ausspie. All das hat das ungarische Königtum geschwächt und dem Hochadel freie Hand für Machtspiele gelassen, bei denen zwei Fürstenparteien das blutende Land weiter entzweiten (1273-76). Es wurde sogar mit den benachbarten Böhmern gegen den König paktiert. Erst ein Sieg unseres neuen, großen Königs, Rudolf I. von Habsburg über den böhmischen König Ottokar II. 1277 rettete vorläufig den ungarischen Thron. Es ist jedoch fraglich, wie lange dieser sicher steht (1301 stirbt mit Andreas III. der letzte Árpáde. Ungarn wird kurzzeitig böhmisch. Erst 1307 wird die Throngewalt durch das Haus Anjou erneuert).“


„Meister, das Königreich Böhmen und sein Herrscher Ottokar II. sind nun schon so oft genannt worden...“ „Allerdings. Ottokar II. Přemysl (1232-1278) war sicher einer der aufstrebendsten Adeligen unserer Gegenwart. Schon mit einundzwanzig Jahren war er Herzog von Östereich und König von Böhmen (1253). Es gelang ihm, Verbindungen mit allen einflußreichen Fürstenhöfen in unserem Teil der Welt zu knüpfen und er ließ sich über alle Neuigkeiten stets unterrichten. So war er es denn auch, der, wie ich dir berichtete (3. Abschnitt), mit einem Heer 1254 dem bedrängten Deutschritterorden im Prußenland zur Hilfe eilen konnte. Dieses Verhalten machte ihn auch in den Augen der Kirche wohlgefällig.“ „Ein Verteidiger des Abendlandes...“ „Wohl, doch Ottokar verfolgte zu diesem Zeitpunkt schon ausdrücklich das Ziel der Kaiserwürde im Heiligen Römischen Reich und die Nachfolge von Friedrich II. (2. Abschnitt). Die Zeit war jedoch noch nicht reif und die deutschen Fürsten mißtrauten einem Herrscher aus Böhmen. Ottokar II. ließ in seinen Bemühungen nicht nach und erreichte 1261 mit einem Sieg über die Ungarn auch noch die Herzogswürde der Steiermark. Unterdessen hatte er Geheimverhandlungen mit den zwei Männern aufgenommen, welche die wahrscheinlichsten Kandidaten für das deutsche Königtum geworden waren, nämlich König Alfons X. von Kastilien und Graf Richard von Cornwall. Da Ottokar zu den Fürsten des Wahlgremiums zählte, habe ich dir bereits erzählt (2. Abschnitt), welch unrühmliche und Konfusion stiftende Rolle er bei der Königswahl von 1257 spielte.“ „Ottokar II. ist also Schuld am Interregnum...“ „Er hat es zumindest höchst billigend in Kauf genommen und nutzte die Zeit, um seinen eigenen Einfluß auszubauen. Schließlich beherrschte er den ganzen Südosten des Reichs, denn durch puren Vertragsschluß erlangte er auch noch das Herzogtum Kärnten und Krain (1269) und langsam wurde er den süddeutschen Adelshäusern allzu mächtig. Das rächte sich, als 1273 wieder die Stunde schlug, in der ein neuer deutscher König gewählt wurde. Ottokar II. wurde nicht nur als Kandidat wieder verworfen, sondern auch von der Wahl ausgeschlossen. Wie ich dir darstellte, wurde der vermeintlich ‚schwache‘ Graf, Rudolf I. aus dem Hause Habsburg unser aller Herr. Auch Ottokars Ende habe ich dir bereits geschildert, denn indem er Rudolf nicht anerkannte, sank sein Stern so schnell, wie er aufgestiegen war. Ottokar II. büßte für seine Selbstüberschätzung auf dem Marchfeld 1278 mit dem Leben (2. Abschnitt).“ „Wer ist sein Nachfolger?“ „In Böhmen ist es sein Sohn Wenzel II. (1271-1305), der gerade etwas älter als zehn Jahre ist! Das übrige Territorium von Ottokar II. wurde nach seiner Niederlage zerteilt und Österreich beispielsweise blieb im Besitz der Habsburger. Es ist zu wünschen, daß Böhmen unter Wenzel II. ruhigere Zeiten erleben darf (ab 1301 erhebt Wenzel Ansprüche auf Polen und Ungarn, die sich 1305 mit seinem Tod zerschlagen).“


Sagt, Meister, bevor wir uns dem Mittag der Sonnenbahn und damit dem italienischen Süden widmen – was sind das für Geschichten von diesen eigensinnigen Bergbewohnern, die das Gebirge zwischen uns und dem Gefilde des Mittelmeers bevölkern?“ „Ah, du meinst das unübersichtliche Alpengebiet, daß nach Aussterben seines beherrschenden Geschlechts, der Zähringer, 1218 in Einzellehen zerfallen ist?“ „Genau!“ „Nun, ab 1230 haben viele dieser Gebiete die ‚Reichsunabhängigkeit‘ verliehen bekommen, das heißt, daß sie über sich nur einen Kaiser als Herrn anerkennen müssen. Die kaiserlose Zeit hat auch hier das Selbstverständnis der Bewohner vom Vierwaldstätter See, von Uri und der Schwyz wachsen lassen und es wird zu den schwierigeren Aufgaben Rudolf I. gehören, sich bei den dortigen Großbauerngeschlechtern wieder Gehör zu verschaffen (ab 1291 schließen sich diese Bauern zu einer ‚Schwur- bzw. Eidgenossenschaft‘ zusammen und beginnen damit ihr erfolgreiches Unabhängigkeitsstreben gegen die Habsburger).“


„Jetzt erzählt mir von Italien!“ „Italien mußt du dreigeteilt betrachten, Anton: Den Norden, der zum römisch-deutschen Kaiserreich zählt mit seinen starken Städten, die Mitte mit dem ‚Patrimonium Petri‘, in dem der Papst seinen Sitz hat und den Süden, den Friedrich II. 1231 zum großen Königreich Sizilien, mit Kalabrien und Apulien zusammenschmiedete.“ „Aber Friedrich II. starb 1250, ihr habt mir sein Ende anschaulich dargestellt (2. Abschnitt).“ „Ich weiß. Und ich erzählte auch, daß sich die Päpste nie mit der Umklammerung durch weltliche Herrscher anfreunden konnten. Um Italien nach 1250 zu verstehen müssen wir den Namen des anderen bedeutenden Adeligen nennen, der, ähnlich wie Ottokar II., eine außergewöhnliche Persönlichkeit unserer Zeit ist.“ „Meister, wer!?“ „Kein anderer als Karl I. von Anjou (1227-1285). Karl ist ein jüngerer Bruder des französischen Königs Ludwig IX. ‚des Heiligen‘, über den wir bei den Kreuzzügen sprachen (3. Abschnitt). Karl war selber in seiner Jugend Kreuzfahrer und während sein Bruder von 1250-54 im Heiligen Land weilte, Mitregent von Frankreich. Als Papst Urban IV. 1263 den französischen König um Hilfe im Kampf gegen die nach Friedrichs II. Tod in Italien verbliebenen Staufer bat, entsandte dieser seinen Bruder Karl. Karl wurde 1266 sogleich vom nachfolgenden Papst Clemens IV. mit dem ehemals staufischen Königreich von Sizilien belehnt und mit dem Kampf gegen die Nachkommen Friedrichs II., Manfred und Konradin, beauftragt. Karl tötete Manfred in der Schlacht von Benevent 1266 und er ließ Konradin, nach kurzem Feldzug, 1268 hinrichten.“ „Deswegen nennen ihn also manche hinter vorgehaltener Hand ‚den Henker der Päpste‘...“ „Karl I. ergriff die nach Friedrichs Tod in Italien bloßliegende Macht und die Päpste boten ihm diese auch noch an, das war mehr als eine Versuchung, eher schon eine goldene Gelegenheit! Doch Karl von Anjou muß auf der Hut bleiben und nicht alle seiner Entscheidungen brachten und bringen ihn voran. Es gibt Stimmen, die behaupten, daß er Mitschuld am Leerstehen des päpstlichen Stuhls zwischen 1268 und 1271 hatte, weil er unbedingt einen Papst nach seinen Wünschen durchsetzen wollte. Auch war es zwar Karl, der nach dem Tod seines Bruders 1270 auf dem Kreuzzug ein totales Desaster verhinderte, doch sein schnöder Kauf der Königswürde von Jerusalem 1277 entsprang gänzlich eitlen Motiven. Gerade haben sich Karls französische Haustruppen auf Sizilien dermaßen übel aufgeführt, daß sie von einer revoltierenden Bevölkerung von der Insel vertrieben wurden (‚Sizilianische Vesper‘ 1282). Und neulich erst hat Karl versucht einen Krieg mit Peter III, König von Aragon zu vermeiden, indem er ein formelles Duell gegen ihn mit einhundert Rittern auf jeder Seite abhalten ließ (1283). Doch überspannt Karl I. den Bogen nun noch um ein weniges mehr, werden all seine großen Pläne, ähnlich wie im Fall Ottokar II., zerbrechen (dies erfolgt mit seinem Tod 1285 und schließlich mit den Territorialverlusten ab 1286 im Heiligen Land).“


„Und was geschah in Norditalien?“ „Nachdem Karl die letzten Staufer geschlagen hatte, zerstückelte sich die Reichsgewalt in der Toskana und der Lombardei völlig. Beide Landschaften sind von Städten geprägt, in denen noch immer Anhänger von Welfen (‚Guelfen‘) und Staufern (‚Ghibelinen‘) um die Vorherrschaft ringen. Es ist ein Gebiet, indem sich zunehmend Stadtrepubliken mit mächtigen Räten (‚Signoria‘) bilden, wie in Venedig und Genua oder wo Söldnerführer das Sagen haben (z.B. Modena und Bologna).“


„Meister, ihr erwähntet vorhin Peter von Aragon – ist der nicht ein spanischer Herrscher?“ „Richtig, lieber Anton – aber Vorsicht! Über Spanien sprechen heißt, vier – nein – genaugenommen fünf Staaten zu betrachten.“ „Ich dachte, in Spanien werden die maurischen Heiden gerade von guten Christen wieder nach Afrika getrieben...?“ „Das ist eine stark vereinfachte Sicht. Nun denn: Es stimmt, daß die Mauren vor mehr als 500 Jahren die Westgoten besiegten und die iberische Halbinsel unter ihre Herrschaft brachten. Ebenfalls richtig ist, daß christliche Herrscher schon 1031 mit der Wiedereroberung dieser Territorien begonnen haben. Genau genommen trifft es aber auch zu, daß diese ‚Reconquista‘ eigentlich abgeschlossen ist. Dabei hilfreich war, daß sich die verschiedenen spanischen Fürstentümer mittlerweile zu wenigen schlagkräftigen Staaten verbunden haben. Das Königreich Aragon beispielsweise, vereinigte sich bereits 1137 mit Katalonien. Jakob I. ‚der Eroberer‘ (1208-1276), der Vater des jetzigen Herrschers, hat 1238 die Wiedereroberung für das Königreich Aragon abgeschlossen. Das gab seinem Sohn Peter III. (1240-1285) die Freiheit, andere Ziele anzustreben. Dieser hat nämlich nun ein Auge auf die Eroberung aller Mittelmeerinseln geworfen und sich, wie ich erzählt habe, gerade erst mit Karl von Anjou auf Sizilien angelegt. Dies hat ihm übrigens sogleich den Bann unseres Papstes eingebracht (1282).


Doch zurück nach Spanien. Das größte Königreich dort ist Kastilien, welches sich erst unter seinem vorigen Herrscher, Ferdinand III. ‚dem Heiligen‘ (1199-1252) mit León verbunden hat (1230). Dieser Ferdinand III. war es auch, der den spanischen Mauren in den Schlachten von Córdoba (1236), Sevilla (1248) und Cádiz (1250) mit Hilfe vieler Kreuzritter die entscheidendsten Niederlagen zufügte. Unter ihm reichten die christlichen Länder wieder bis an das südliche Meer und die Vorherrschaft der maurischen Almohaden löste sich gänzlich auf. Ferdinands Sohn ist dir übrigens schon bekannt, Anton...“ „Wie?!“ „Kein geringerer als der deutsche Gegenkönig Alfons X ‚der Weise‘ (1221-1284) , mein aufmerksamer Schüler (2. Abschnitt)!“ „Ach ja...! Na, 1273 wird für ihn dann ja kein gutes Jahr gewesen sein...“ „Wohl richtig, doch gerade erst hat das Schicksal Alfons noch viel schlimmer gestraft. 1282 hat sich sein unbotmäßiger Sohn Sancho IV. (1257-1295) gegen ihn empört und mit Unterstützung verbündeter Adeliger abgesetzt. Nun ist Sancho Herr von Kastilien und ich weiß nicht einmal, ob Alfons noch lebt oder ob er schon aus Gram verschieden ist.“


„Die anderen spanischen Staaten sind...?“ „Nun, da ist noch das Königreich Portugal, welches sich schon 1094 aus einer Grafschaft verselbständigte. Sein vormaliger Herrscher war Alfons III. (1210-1279), der 1251 dort die ‚Reconquista‘ vollendete. Leider war auch er ein Mächtiger, der sich ständig in Konflikt mit der Kirche befand. Trotzdem hört man, daß er und sein Sohn, der jetzige König Dionysius I. (1261-1325) beim Volk in hoher Gunst stehen.“
„Wie dem auch sei – Spanien ist die Ungläubigen jetzt also los?!“ „Ein voreiliger Schluß, lieber Anton! Nach der Schlacht von Córdoba war der maurische Sultan Muhammad I. Yusuf ben Nasri (1232-72) zu einem Vertragsschluß bereit, mit dem er und seine Nachfahren Vasallen der christlichen Könige von Kastilien wurden. Im Gegenzug erhielt sein Geschlecht, nämlich das der ‚Nasriden‘, das südlichste spanische Territorium von Granada. Heute ist der Sohn dieses Mannes, Muhammad II. al-Faqih (1235-1302), Herr des Sultanats von Granada.“ „Mauren als Kronvasallen...“ „Fünfhundert Jahre mohammedanischer Herrschaft lassen sich eben nicht einfach fortwischen, lieber Anton. Die Zeit wird jedoch erweisen müssen, wie lange den Ungläubigen erlaubt sein wird, spanische Erde zu besitzen (Vertreibung erfolgt 1492).“


„Spanien scheint ein abenteuerliches Land zu sein... Kommen wir nun nach Frankreich?“ „Sogleich, laß mich nur noch kurz das kleine aber bemerkenswerte Königreich Navarra, nahe den Pyrenäen erwähnen. Da seit geraumer Zeit die Grafen der Champagne den König von Navarra stellen, müßten wir es vielleicht wirklich eher zu Frankreich als zu Spanien zählen. Seine letzten Herrscher waren auch alle mit der französischen Krone verbunden, sei es Theobald II. (1238-1270) oder sein unfähiger Nachfolger Heinrich I. (1244-1274). Gerade hat sich aber etwas wirklich Interessantes in jenem kleinen Reich ereignet: Das einzige überlebende Kind Heinrichs ist seine junge Tochter Johanna I. (1273-1305), die nun aus eignem Recht heraus Gräfin der Champagne und Königin von Navarra ist. Da sie gegenwärtig am französischen Hof erzogen wird, heißt es, daß sie möglicherweise auch die nächste Königin von Frankreich werden könnte (so geschieht es 1284 durch die Hochzeit mit Philipp ‚dem Schönen‘, der 1286 als Philipp IV. König von Frankreich wird).“


„Meister, warum hat Frankreich starke Könige und wir Deutschen nicht?“ „Die Antwort, lieber Anton, hat erst unser Saeculum ergeben. Als 1180 Philipp II. ‚Augustus‘ (1163-1223) König von Frankreich wurde, beherrschte der englische Thron noch über die Hälfte des heutigen Gebiets und der König selbst hatte nur eine recht kleine Krondomäne.“ „Wie das?“ „Aber Anton! Das englische Königshaus der Plantagenets ist ein ursprünglich französisches Geschlecht, das eine große Menge festländischer Besitzungen innehatte. Doch Philipp II. war ein Gigant seiner Zeit. Zuerst schlug er bis 1185 eine Verschwörung seiner Grafen mit England nieder. Danach widmete er sich der Verdrängung der Engländer aus Frankreich. Es gelang ihm zunächst, die englischen Herrscher Richard I. ‚Löwenherz‘ (1157-1199) und dessen Bruder Johann I. ‚Ohneland‘ (1167-1216) dazu zu bringen, ihn als Lehnsherren der englischen Besitzungen auf dem Festland anzuerkennen. Als 1214 schließlich offener Krieg mit Johann I. ausbrach, besiegte Philipp II. ihn in der denkwürdigen Schlacht von Bouvines und gewann die Normandie und Poitou für die französische Krone. Unrühmlich für uns Deutsche war übrigens der Wermutstropfen, daß der Welfe Otto IV. (2. Abschnitt) an Johanns Seite mit geschlagen wurde. Danach hatte Philipp II. Frankreichs Vormachtstellung im Westen gesichert und sein Territorium nahezu verdoppelt. Gleichzeitig gelang es ihm, seine Nachfolge zu sichern. Alle bisherigen französischen Könige hatten nämlich zuvor ihre Söhne zu ihren eigenen Lebzeiten weihen lassen, um die Dynastie zu wahren. Philipps Sohn, Ludwig VIII. ‚der Löwe‘ (1187-1226), war darauf nicht mehr angewiesen, da die vereinigten französischen Adeligen ihn unbestritten anerkannten. Ludwig besaß hingegen eine labile Gesundheit, setzte in den drei kurzen Jahren seiner Herrschaft (1223-26) die erfolgreiche Linie seines Vaters jedoch fort. In seiner Jugend (1215-16) war ihm sogar eine kurze Invasion in England gelungen. Leider erhielt seine schwache Lebenskraft, als er während der Albigenserkreuzzüge (3. Abschnitt, 1209-1229) im Süden seines Reiches Interessen der Krone wahrnahm und das Languedoc eroberte, einen solchen Schlag, daß er früh verstarb.
Es folgte ihm sein Sohn, Ludwig IX. ‚der Heilige‘ (1214-1270), auf den Thron, von dem du schon gehört hast (3. Abschnitt). Mit gesichertem Norden und Süden des Landes brachte der Frankreich ein ‚Goldenes Zeitalter‘. 1242 versuchte der englische König Heinrich III. (1207-1271) zwar nochmals, den Norden Frankreichs zurückzuerobern, wurde von Ludwig IX. aber zurückgeschlagen. Der so gesicherte Friede gab ihm die Möglichkeit, den 6. Kreuzzug (1248-1254) anführen, auch wenn Ludwigs religiöser Eifer dabei stärker als sein militärischer Erfolg war. Die Reformpolitik, die Ludwig IX. in seinem Reich betrieb, sein gutes Verhältnis zu Kaisern und Königen und zu den Päpsten machten ihn schließlich zum mächtigsten Herrscher des Abendlandes. 1258 schloß er außerdem Frieden mit den englischen Plantagenets. Am Ende seiner Herrschaft wurde er gar bei vielen Streitigkeiten unter Adeligen aller Lande als Schiedsrichter angerufen, was auch durch das ‚Interregnum‘ gefördert wurde. Sein tragischer Tod 1270 wurde weithin betrauert.
Jetzt ist Philipp III. ‚der Kühne‘ (1245-1285) König von Frankreich und steht ein wenig im Schatten seines großen Vaters. 1273 wurde er sogar kurz als Kandidat für das Kaiseramt gehandelt, doch niemand war an weiterem Machtzugewinn für Frankreich interessiert, nicht einmal Papst Gregor X. (1271-76). Ferner scheint er nicht recht zu wissen, wie er sich im Streit zwischen seinen beiden Oheimen, Karl von Anjou in Sizilien und Peter III. in Aragon verhalten soll (1285 Kreuzzug gegen Aragon, Philipp III. stirbt an der Ruhr). Möge er seine Söhne gut auf ihre verantwortungsvolle Nachfolge vorbereiten!“ (bis 1314 Philipp IV. ‚der Schöne‘, der 1309 das Papsttum nach Avignon überführen wird)


„Puh, England und Frankreich scheinen sehr miteinander verstrickt! Wie steht es denn gegenwärtig in eurer Heimat England, Meister?“ „Wieder recht gut, nach einem wirren Saeculum. Wie du vernommen hast, hatten sowohl König Richard I. ‚Löwenherz‘ wie auch sein Bruder Johann I. ‚Ohneland‘ der nach ihm König wurde, Dauerkonflikte mit dem französischen Machthaber, den sie als Lehnsherren anerkennen mußten. Als Johann dann auch noch 1209 von Papst Innozenz III. (2. Abschnitt) mit dem Bann belegt wurde und 1214 die Schlacht von Bouvines über französische Territorien verlor, erhoben sich die englischen Barone gegen seine Politik, welche offensichtlich die britische Insel aus dem Blick verloren hatte. Diese Rebellion konnte nur beigelegt werden, indem Johann seinem Adel 1215 die ‚Magna Charta‘ unterzeichnete, die den mächtigen Familien im Land stärkere Mitsprache bei der Regierung und sogar der Verfassung zubilligte. Sein Lebensende 1216 stand trotzdem unter dem Zeichen weiterer Unruhen und dem Einmarsch des jungen Ludwig VIII. aus Frankreich. So wurde sein Sohn Heinrich III. (1207-1272) eilig gekrönt, der es nur dem treuen Kronvasallen William Marshal (1144-1219) zu verdanken hatte, daß seine junge Herrschaft bewahrt wurde. Als Heinrich schließlich seinen Adeligen die ‚Magna Charta‘ bestätigte, konnte er seine Machthabe zunehmend festigen. Leider lief sein Geldbedarf für eine etwas gespreizte Hofhaltung und militärische Ausgaben völlig aus dem Ruder. 1248 brach eine weitere Revolte der finanziell belasteten Barone aus. Schon 1258 hatte sich die Situation dermaßen zugespitzt, daß ein Gremium von einflußreichen Adeligen glaubte, der allzu freigiebige König würde zu einer Gefahr für England und müsse unter Kontrolle gebracht werden. Sie verweigerten ihm nicht nur weitere Gelder für außenpolitische Pläne, sondern bedrängten ihn sogar so sehr, daß er bereit war ein Parlament aus fünfzehn Adeligen einzusetzen, die staatliche Aufgaben übernehmen durften (‚Oxford Provisions‘).“ „ Das sind ja Verhältnisse wie im antiken Rom – König und Parlament!“ „Ich glaube eher, daß es Künder einer neuen Zeit sind, wie in den italienischen Stadtrepubliken – doch das wird die Zukunft erweisen... Einen Namen von den sieben Adeligen solltest du dir übrigens gut merken, Anton: Den Grafen Simon V. de Montfort von Leicester (1208-1265).“ „Hattet ihr den Namen nicht vor einer Weile schon einmal genannt...?“ „Nein, nicht ganz, lieber Anton, aber den seines Vaters, Simon IV., dem eifrigen Führer des Albigenserkreuzzuges (3. Abschnitt)!“ „Was für ein rastloses Geschlecht!“ „Das magst du wohl sagen, denn es kommt noch besser: 1263 versuchte der finanziell in die Enge gedrängte Heinrich III. einen Teil der abgegebenen Autorität wieder zurückzuerlangen. Wieder empörte sich sogleich ein schlagkräftiges Adelsaufgebot gegen ihn, daß diesmal vom erwähnten Grafen Simon V. geführt wurde. Dem gelang 1264 sogar die Gefangennahme des Königs und eines Teils seiner Familie. Ein Jahr lang war Simon praktisch der Herrscher Englands, zusammen mit einem ‚Parliament‘ aus Adeligen und Vertretern der Stände. Passenderweise war es dann auch nicht Heinrich III. selbst, sondern sein aus der Gefangenschaft geflohener, erstgeborener Sohn Eduard, der Simon V. 1265 mit einem rasch aufgestellten Heer in der Schlacht von Evesham tötete.


Ja, und mit dem Tod Heinrichs 1272 bin ich in der Gegenwart meines Heimatlandes angekommen. Eduard I. ‚Langbein‘ (1239-1307), hatte also schon vor seiner Krönung bewiesen, daß er die Zügel Englands straffer in den Händen halten wollte. Seine bisherige Herrschaft legt davon Zeugnis ab: Eine seiner ersten Maßnahmen war eine Heeresreform (1277). Vor kurzem erst hat er mit dem Sieg über den keltischen Herrscher Llywelyn ap Gruffydd (1223-1282) das Fürstentum Wales der Krone hinzugewonnen (bis 1283). Man sagt, daß er auch Schottland und die französischen Gebiete wieder zu England machen wird (beide Versuche scheitern). Außerdem hat er vor, das Parlament nach seinem Willen aufzustellen (Modellparlament 1295).“


„Das Fürstentum Wales existiert nicht mehr?“ „Nur noch dem Namen nach. Eine gewisse Einheit besaß es ohnehin erst, seitdem der Großvater des letzten Herrschers, Llywelyn ap Iorwerth ‚der Große‘ (1173-1240) über die anderen keltischen Adeligen in Wales aufgestiegen war. Wirklichen Frieden mit den englischen Nachbarn gab es übrigens schon seit Generationen nicht mehr. Als Llywelyns Sohn David ap Llywelyn 1246 unerwartet früh ohne Erben starb, fiel die Herrschaft an den ältesten Neffen, Llywelyn ap Gruffydd. Dieser war es auch, der zum ersten Mal überhaupt den Titel ‚Fürst von Wales ‚ beanspruchte (1258). Als der englische König Heinrich III. und sein Sohn Eduard von Simon V. de Montfort gefangen genommen waren, was, wie erwähnt, Simon praktisch zum englischen Regenten machte, ließ sich Llywelyn ap Gruffydd 1265 auf einen Vertragsschluß mit jenem ein, der eine gegenseitige Anerkennung beinhaltete. Als Heinrich III. kurz darauf seinen Thron wiedererlangt hatte, war Llywelyns Position so gefestigt, daß selbst der König 1267 dessen Titel anerkannte. Eduard I. verzieh Llywelyn jedoch nie. Als sich zu Beginn seines Königtums in Wales ein Aufstand gegen englische Steuererhebungen entzündete, nutze er dies als Rechtfertigung für zwei hart geführte Feldzüge (1277 und 1282), in denen er das Herrscherhaus ausrottet und Wales zur Krondomäne machte.“


„Meister, ihr sagtet, Eduard I. hätte ebenfalls ein Auge auf das Königreich Schottland geworfen, wird das nicht einen langen Krieg gegen das dortige Herrschergeschlecht bedeuten?“ „Würde es, doch das derzeitige Königshaus Dunkeld scheint just vom Pech verfolgt und der gegenwärtige König Alexander III. (1241-1286) hat gerade in rascher Folge sowohl seine Gemahlin als auch seine Erben zu Grabe tragen müssen (sämtlich gestorben bis 1283). Alexander kann als Erfolg verbuchen, daß er 1266 einen Friedensvertrag mit den Norwegern geschlossen hat, die in der Vergangenheit immer wieder versucht haben, sein Inselreich zu überfallen. Seine Enkeltochter Margarete verbindet ihn nun noch mit dem dortigen Königshaus, eine Tochter von Erik II.. Sollte dann aber König Alexander oder seiner letzten Nachfahrin wieder Unheil geschehen, könnte Schottland ins Chaos stürzen und Eduard I. seine Stunde für gekommen sehen...“ [So ereignet es sich tatsächlich: Der König stirbt 1286, Margarete ertrinkt 1290 auf der Überfahrt nach Schottland. Sofort brechen Nachfolgestreitigkeiten aus und Eduard I. beginnt seine Vorbereitungen zur Eroberung des schottischen Throns.]


Ja, lieber Anton, und hier im äußersten Nordwesten unseres Erdkreises endet unsere Reise durch die Reiche, die um uns sind!“ „Meister, mir schwirren die Sinne. Nie hätte ich solche Begebenheiten zu erträumen vermocht, wie sie die Sonne bei ihrem täglichen Umlauf zu sehen bekommt. Möge Gott all unseren Seelen gnädig sein!“

 

Der Alltag (5.Abschnitt)