• Startseite
  • Holsteiner
  • Geschichte
  • Termine
  • Galerie neu
  • Wallfahrten
  • Links
  • Bote

Das Reich (2. Abschnitt)


Worin die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches zur Sprache kommt. Es wird über Welfen, Staufer, Habsburger und das merkwürdige ‚Interregnum‘ gesprochen, welches erst vor wenigen Jahren endete.

„Lieber Anton! Hier sitze ich an deinem Lager und preise unser gedeihliches Land wie König David zur Harfe und du schaust dennoch weiterhin verdrießlich drein, als hätte es dir das Korn verhagelt. Was wirft einen solch fortwährenden Schatten über deine Zuversicht?“ „Meister, wir sind gerade aus dem Königreich Dänemark zurückgekehrt.“ „Das muß dich sehr beeindruckt haben oder du verfolgst eine besondere Absicht, wenn du diese schlichte Tatsache so hervorhebst - oder ist es noch immer der Überfall...?“
„Nein, nein. Während ihr in Tunder euer Gespräch mit dem Abt führtet, konnte ich im dortigen Scriptorium die allerneuste ‚Tabula Sacri Romani Imperii‘, also eine Karte des Reichs, bewundern...“ „Zweifellos ein Wunderwerk welches sowohl mit seiner Kunst als auch seiner Wissenschaft Gott lobt...“ „Gewiß, Meister, doch das meine ich nicht. Ich mußte dort zu meinem Schrecken erkennen, wie unbedeutend wir sind.“ „Wahr, lieber Anton, im Angesicht des Höchsten sind wir nichts als Staubkörner.“ „Meister, ihr mißversteht noch immer. Ich schaute also diese Karte und alsbald begannen meine Augen eine Reise durch die Ländereien, die sich meinem Blick in vielen Farben darboten. Was mußte ich erkennen? Allerorten sah ich Herzogtümer, die Territorien der Kurfürsten, Königreiche gar. Das Reich selber wiederum ist von fremden Königreichen, wie beispielsweise Dänemark, ganz umschlossen. Und was haben wir? Nur eine klägliche Grafschaft!“


„Nun, nun, lieber Anton, ich glaube es ist an der Zeit, daß ich dir deinen Kopf sowie deinen Sinn für die Verhältnisse zurechtrücke! Eine klägliche Grafschaft sagst du... Zunächst einmal könntest du bemerkt haben, daß es durchaus noch andere Grafen im Reich gibt, zum Beispiel in Holland, in Tirol oder in der Provence...“ „Ja, aber diese kleinen...“ „Territoriale Größe oder glänzende Titel sind nicht immer ein Abbild der wahren Bedeutung, Anton. Oftmals haben in letzter Zeit solche scheinbaren Vorzüge mehr zum Untergang großer Häuser beigetragen. Manche Grafen hingegen sind in den letzten fünfzig Jahren zu erstaunlichen Würden gekommen. Möchtest du wirklich etwas über die mitunter unerquickliche Reichspolitik erfahren?“ „Falls es euch nicht zuviel wird Meister, fände ich eure Ansicht hierzu förderlich, denn ihr seid mir an Alter und Erfahrung voraus." „Wenn du so sprichst, fühle ich mich so alt wie das Äon, doch komme ich deiner Bitte gerne nach.


Laß mich dazu mit deiner ‚kläglichen Grafschaft‘ beginnen...“ „Meister, ich...“ „Lieber Anton, dir ist schon verziehen. Gleichwohl: Noch einmal fordere ist dich auf, dich unseres Landes und seines Herrschergeschlechts als glücklich zu schätzen, denn die Schauenburger verstehen sich als Ableger des einstmals einflußreichen Supplinburger Geschlechts. Als nämlich 1111 einer ihrer Herrscher, der sächsische Herzog Lothar III. von Supplinburg, die Schauenburger Adeligen mit der Grafschaft Holstein belehnte, verbesserte er nicht nur seine eigene Position, sondern begründete auch die bis heute ausdauernde Linie der Grafen von Holstein, von denen ich zuvor berichtet habe. Bis heute atmet die Grafschaft etwas von diesem unabhängigen Supplinburger Geist seiner Gründerzeit, der im übrigen Reich seitdem längst erloschen ist. Durch seine territorialen Zugewinne erlangte dieser Lothar III. nämlich 1125 zunächst die deutsche Königswürde, dann 1133 den Kaisertitel und dies hauptsächlich, weil er von einem der aufstrebendsten Geschlechter des Reiches unterstützt wurde!“


„Meister, ihr sprecht von den Welfen?“ „Lieber Anton, du hast also doch nicht allzeit geschlafen! Ganz recht, eben die Welfen, die mit diesem Eingriff eine Konkurrenz zu den Staufern heraufbeschworen, die das ganze zwölfte Saeculum beherrscht hat. Und nun kannst du sehen, wie froh wir mit unserer nördlichen Grafschaft sein können, denn das Stammherzogtum Sachsen stürzte gemeinsam mit den Welfen tief in eben jenen verhängnisvollen Konflikt, der schließlich das ganze Reich erfaßte. 1142 nämlich wurde der wohl bekannteste Welfe, Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen. Ihm verdanken wir beispielsweise die Unterwerfung der Pommern (1147-1167); doch Heinrichs Gier nach Territorialgewinn führte dazu, daß er sich mit nahezu jedem seiner benachbarten Fürsten befehdete. Mittlerweile war jedoch ein Staufer zum mächtigsten Mann im Reich aufgestiegen, Friedrich I. ‚Barbarossa‘ war 1155 sogar vom Papst zum Kaiser gekrönt worden. Bei diesem wurde Heinrich wegen seiner Übertretungen nun reichlich verklagt, doch Heinrich ließ sich abermals auf einen Zwist ein und erschien bis 1180 wiederholt nicht vor dem Hofgericht. Und damit war das Ende der bedeutenden Welfen besiegelt: Nach dem großen Reichskrieg 1180 und 1181 mußte sich Heinrich unterwerfen, er selbst wurde verbannt, der größte Teil seines Besitzes vom Kaiser eingezogen. Die Schauenburger Grafen schauten sicher von Holstein aus auf die Zerteilung der sächsischen Lande, welche sogleich im Westen als ‚Herzogtum Westfalen‘ an den Erzbischof von Köln und im Osten an das staufertreue Geschlecht der Askanier vergeben wurden. So schnell, Anton, enden hehre Titel und große Besitzungen!“


„Meister, vergebt mir mein rasches Urteil. Doch das, was ihr mir jetzt erzählt habt, ist über hundert Jahre her. Warum holt ihr soweit aus?“ „Um zu wissen, wer wir sind, müssen wir wissen, woher wir kommen. Ich werde dir sogleich, mit dem Bericht über den Untergang eines weiteren, mächtigen Geschlechts, belegen, wie wichtig dies für unsere Gegenwart ist.


Die Staufer nämlich, die aus dem soeben erzählten Ringen siegreich hervorgegangen waren, hatten ihrerseits die Päpste gegen sich aufgebracht.“ „Die Päpste, unsere Statthalter Christi, wer würde solches wagen?“ „Lieber Anton, eigentlich solltest du recht haben. Das Wormser Konkordat von 1122 hätte den Investiturstreit eigentlich beilegen können und den weltlichen Herrschern ihre Abhängigkeit vom Heiligen Stuhl deutlich machen müssen. Doch dies blieb den großen Herren, speziell jenen, welche die Kaiserwürde trugen oder anstrebten, weiterhin unbequem. Die Päpste wurden ihrerseits wie Abhängige behandelt, nach Gutdünken unterstützt oder abgesetzt, sogar gewaltsam beseitigt. Als Friedrich I. ‚Barbarossa‘ die Linie des Papstes Alexander III. (1159-1181) nicht paßte, stellte er sich ganz hinter einen Gegenpapst, Victor IV.. Alexander III. aber blieb, auch militärisch, ein unnachgiebiger Gegner. Das Ende seiner Laufbahn bildete die Aussöhnung mit Friedrich I., politisch gesehen jedoch bestenfalls ein Patt. 1190 starb Friedrich I. auf dem Kreuzzug. Nachfolger wurde sein Sohn, Heinrich VI.. Dieser erbte, ermißt man das schiere Territorium, das mittlerweile gewaltige staufische Reich. Unterdessen war jedoch Coelestin I. (1191-98) zum Papst aufgestiegen, und der unterstütze politisch gegen die Staufer gerichtete Kräfte, da er nicht noch einmal zulassen wollte, daß die Kirche Spielball eines weltlichen Herrn wurde. Obwohl Heinrich VI. 1194 zum Kaiser gekrönt wurde, mußte er sich zeitlebens gegen intrigierende Fürsten nördlich und südlich der Alpen wehren, da der fortwährende Streit mit den Päpsten das zentrale Kaisertum schwächte. Heinrich VI. starb, jung an Jahren, 1197. Sein Plan, daß nur immer ein staufischer Nachfahre deutscher König werden konnte, wurde von den anderen Landesfürsten und vom Papst abgelehnt und ging mit ihm unter.


In Deutschland stritten darauf wieder Anhänger von Welfen und Staufern um die Vormachtstellung. Bei der Königswahl von 1198 wählten die staufischen Kräfte den Bruder von Heinrich VI., Philipp von Schwaben (†1208), die welfischen Parteigänger Otto IV., Sohn Heinrichs des Löwen. Solche Uneinigkeit und das Nebeneinander von zwei Gegenkönigen führte schon damals zu mehr als zehn kaiserlosen Jahren.
Bereits 1198 hatte unterdessen Innozenz III. den Papstthron bestiegen, fest entschlossen, Coelestins politisches Erbe fortzuführen und endlich die geistliche Herrschaft über der weltlichen zu etablieren.“ „Innozenz III, der als erster Papst 1210 unseren Orden bestätigte?“ „Eben der. Die zwei Jahrzehnte, die schließlich in unser Jahrhundert mündeten, gaben Innozenz III., einem entschlossenen Erneuerer der Kirche, jenen Gewaltenzuwachs, den die folgenden Herrscher des Heiligen Römischen Reiches nicht mehr gutmachen konnten. Dies bewies bereits der fortdauernde, häßliche Streit um die deutsche Königswürde: Zunächst schien der Welfensohn Otto IV. (†1218) siegreich aus diesem hervorzugehen, Innozenz III. krönte ihn sogar 1209 zum Kaiser. Als Otto IV. jedoch ein Heer durch Italien führen wollte, bannte ihn Innozenz III. sofort und wandte seine Unterstützung seinem Mündel, dem Staufererben Friedrich II., zu.“ „Der Papst als Machtpolitiker...“ „So darfst du es nicht sehen, Anton. Der Papst als Erwähler der Mächtigen – das scheint mir die richtige Beschreibung. Die Zeit war einfach vorbei, in welcher der Papst vom Gutdünken der Herrscher abhängig sein wollte. Innozenz III. war es nun selbst, der politische Entscheidungen traf! So setzte er auch Friedrich II. 1215 als deutschen König durch.


Doch Innozenz III. verschied 1216 und Papst Honorius III. folgte ihm nach. Honorius III. war milder als sein Vorgänger und er krönte auch im Jahr 1220 Friedrich II. zum Kaiser. Dieser aber dankte es ihm keineswegs, denn der Konflikt zwischen Kaiser und Papst hob alsbald von neuem an, als Friedrich II. versuchte, Honorius‘ vermeintliche Schwäche auszunutzen Auch der letzte der Stauferherrscher hatte nur geringe Neigung, im Schatten der Päpste zu regieren. Doch die Krone Friedrichs II. brannte rasch an zwei Ecken, wenn man so sagen darf: Am schwerwiegendsten für den Untergang des großen Stauferhauses blieb der Streit mit dem Papsttum, der häufig um italienische Territorien ausgefochten wurde. Honorius III. starb 1227 und Gregor IX. trat an seine Stelle. Wenn du einen Papst als Machtpolitiker bezeichnen möchtest, Anton, so wähle ihn. Gregor IX nahm den Kampf gegen die staufische Hegemonie dort auf, wo Innozenz III. enden mußte. Er schlug bereits 1227 den Kaiser mit dem Kirchenbann, als der sein Kreuzzugsgelübde nachlässig behandelte.


Die andere ‚Ecke‘, lieber Anton, war Friedrichs Deutschlandpolitik. Schon die Eroberung durch die Dänen mußten die Schauenburger mit einer Koalition norddeutscher Fürsten 1227 ohne kaiserliche Hilfe zurückdrängen. Friedrich II. setzte erst seinen Sohn Heinrich ‚VII.‘ 1228 als deutschen König ein und als dieser dort in seinen Augen versagte, 1237 dessen neunjährigen Bruder Konrad IV.. Die deutschen Fürsten waren erzürnt, weil Friedrich II. sich selbst mehr als Italiener verstand und den Norden seiner Herrschaft offenbar nachlässig und mit langer Hand verwaltete. Außerdem, Anton, mußt du verstehen, daß diese mächtigen Häuser nun schon mehr als zwei Generationen fast ohne Einschränkung ihre eigenen Ziele verfolgen konnten, während die Kaiser mit den Päpsten stritten oder es gar keinen Kaiser gab. Auch den Mongoleneinfall von 1241 mußten sie ohne echte Unterstützung von Friedrich II. bekämpfen. Schließlich kam das Jahr 1243 und mit ihm ein neuer Papst, Innozenz IV.. Mit diesem hatte Gregor IX. einen würden Nachfolger aufgebaut, der sich unerbittlich gegen das Wiedererstarken des Staufischen Reiches einsetzte. Schon 1245 floh Innozenz IV. vor dem Kaiser nach Lyon, hauptsächlich, wie man munkelt, um Friedrich keine Zugeständnisse machen zu müssen. Als Friedrichs Truppen kurz darauf jedoch Kirchenland plünderten, war sein Untergang besiegelt. Innozenz IV. verkündete auf dem Konzil von Lyon noch im selben Jahr die Absetzung des Kaisers und rief zu einer Art ‚Kreuzzug‘ gegen ihn auf. Die deutschen Fürsten, die nun auch Konrad IV. nicht mehr als ihren legitimen König betrachteten, bestimmten 1246 erst den Landgrafen von Thüringen und, nach dessen Tod, den Grafen Wilhelm von Holland zum Gegenkönig. Hier, lieber Anton, kannst du übrigens sehen, wie schnell ein Graf die Königswürde erhalten kann!“ „Ihr seht mich sprachlos...!“ „Laß mich rasch das Ende Friedrichs beschreiben, der in Italien immer mehr Kontrolle an papsttreue Kräfte verlor. Verlustnachrichten und Verrat in seinen engsten Kreisen schwächten ihn stetig, bis 1250 die Wende zu kommen schien. Sowohl der französische als auch der englische König begannen, der weltlichen Machtpolitik von Innozenz IV. zu mißtrauen und entzogen ihm die Unterstützung. In Deutschland schlug Konrad IV. Gegenkönig Wilhelm im ‚Rheinischen Feldzug‘. Da erlag Kaiser Friedrich II. einer plötzlichen Krankheit. Der Tod des Kaisers riß jedoch auch das staufische Reich mit in den Abgrund, denn die von Friedrich II. mühsam zusammengehaltenen Herrschaftsteile, Deutschland und Italien, drifteten sofort auseinander. Innozenz IV., der 1254 starb, und seine Nachfolgepäpste Alexander IV (1254-61), Urban IV.(1261-64) und Clemens IV. (1265-68) machten in Italien in den nächsten achtzehn Jahren alle Erben der Staufer systematisch nieder. Dies führte dazu, daß Konrad IV., der sich schon im Norden gegen einen wiedererstarkenden Gegenkönig Wilhem wehren mußte, sich gezwungen sah, einen Italienzug durchzuführen, um die Nachfolge seines Vaters zu retten. Als Konrad noch 1254 im italienischen Heerlager an einer Pestilenz starb, war Graf Wilhelm von Holland plötzlich unangefochtener deutscher König!“


„Wenn ich bedenke, daß Wilhelm von Alter und Stellung her der Vater von unserem Grafen Johann II. hätte sein können...“ „Dann frohlocke, Anton, daß die Schauenburger norddeutsche Ziele verfolgten und nicht in die Mühlen der Reichspolitik gerieten. „König Wilhelm ‚I.‘ nämlich, wie wir jetzt wohl sagen sollten, versuchte, gestützt von einem Bund aufstrebender rheinländischer Städte, eine Reform des deutschen Reiches einzuleiten. König Wilhelm stand kurz davor, die Reichsstände neu zu ordnen und damit dem Königtum in Deutschland wieder eine starke Position über den Landesfürsten zu verschaffen, als er 1257 auf einem Feldzug gegen aufrührerische Friesen den Tod fand.
Was daraus resultierte, habe ich selbst noch bis vor wenigen Jahren mitverfolgen können, und es stand auch unsichtbar neben deiner Wiege, lieber Anton.“ „Ihr sprecht vom ‚Interregnum‘, Meister?“ „Ja, das seltsame Interregnum mit seinen bemerkenswerten und bisweilen furchterregenden Erscheinungen.“ „Wie konnte es zu einer erneuten Zeit mit zwei Gegenkönigen kommen – und warum stand es diesmal schlimmer um die deutschen Lande als 1197?“ „Ach, lieber Anton, da gibt es so mancherlei. Zunächst einmal währte dieses Interregnum statt zehn Jahren derer zwanzig. Und nach dem Tod von Wilhelm kam es zu einer chaotischen, doppelten Königswahl durch jene mächtigen Männer, die wir seit einigen Jahren als ‚Kurfürsten‘ bezeichnen. Schon die Kandidaten waren, gelinde gesagt, außergewöhnlich und zeigten, daß die deutschen Fürsten damals nicht mehr an einem obersten Herrscher aus den eigenen Landen interessiert waren. Richard, Graf von Cornwall und Poitou, war ein Schwager von Friedrich II. – jedoch nichtsdestoweniger genauso Engländer wie ich. Alfons X. ‚der Weise‘, König von Kastilien und Leon, ist Spanier und, genau genommen, ein Enkel des staufischen Gegenkönigs Philipp von Schwaben in der weiblichen Linie. Ja, selbst ich hätte da nicht gewußt, wessen ‚Anspruch‘ ich als stärker hätte bewerten sollen. Wie dem auch sei. Das siebenköpfige Wahlkollegium trat gleich 1257 zusammen. Die Erzbischöfe von Köln und Mainz, sowie der Pfalzgraf bei Rhein wählten Richard. Der Erzbischof von Trier, der Herzog von Sachsen und der brandenburger Markgraf wünschten dagegen Alfons X. Zum Desaster führte jedoch das Verhalten des böhmischen Königs, Ottokar II.. Er hatte sich, Gerüchten nach, von beiden Seiten bestechen lassen und gab obendrein beiden Anwärtern seine Stimme. So vergaben sieben Personen acht Stimmen und ein Patt von vier zu vier Mandaten führte zu einer Doppelwahl!


Für das Reich war dies ein Schaden, da es dringend einer einigenden Kraft bedurft hätte. Während der folgenden Jahre versuchten Bischöfe und Landesherren, ihre Ansprüche und Territorien zu vergrößern. Das Reich dehnte sich beispielsweise nach Osten. Allein Ottokar II. nutzte die Zeit zwischen 1253 und 1278 und gründete über sechzig Städte. Teilweise wurden aber auch ungerechtfertigte, hohe Zölle und Steuern eingeführt und manche Adelige vereinnahmten skrupellos sogar ‚Reichslehen‘, also Land, über dessen Vergabe nur der König entscheiden durfte. Minder mächtige Adelige wurden unterdrückt und Städte mußten sich vor ihren ehemals ritterlichen Nachbarn fürchten. Nach Ende der Kreuzzüge waren viele Ritter verarmt und die versuchten nun, mit Raub und Geiselnahme ihre Finanzen aufzubessern. Zu jenen Zeiten konnte niemand diesem Wildwuchs Einhalt gebieten. Gerichte und Reichsbehörden waren machtlos und die Verwaltung des Heiligen Römischen Reichs funktionierte nicht mehr. Was zeitweise die Situation noch verschlimmerte, war die dreijährige ‚Sedisvakanz‘ (Nichtbesetzung des Papstamtes) von 1268-1271 in Rom, weil sich die Kardinäle nach dem Tod von Clemens IV. in verschiedene Fraktionen zerstritten und sich nicht auf einen Nachfolger einigen konnten.“ „Welch finstere Zeiten, überall Mord, Totschlag und Zwist...!“


„Ja, und doch - nicht ohne Hoffnung. Denn aus dieser Unordnung ist unsere Zeit hervorgetreten, lieber Anton! Nicht alle Landesfürsten waren gleichermaßen barbarisch. Mancher zeigte sich seit damals bereit, an Stelle des Königs Verantwortung zu übernehmen und für Ordnung in seinen Grenzen zu sorgen. Unsere starken Fürsten, Anton, wurzeln in jenen scheinbar anarchischen Jahren. Im niederen Adel war das Interregnum der Trittstein für den Aufstieg der Ministerialen, auf deren vielseitige Fähigkeiten sich die Herrscher nun oft stützen mußten. Das Bürgertum der Städte benötigte Schutz sowohl gegen Überfälle als auch gegen Zollwillkür. Es fing an sich in Wehr- und Handelsbünden (1259: Lübeck, Hamburg, Wismar, Rostock – Keimzelle der norddeutschen ‚Hanse‘) zu organisieren und wurde selbstbewußter. Außerdem wurden die Machtverhältnisse im Reich neu gewichtet. Das Interregnum beendete die Zeit, da sich Welfen und Staufer im Kampf um die Macht maßen. In deren Schatten waren andere Geschlechter aufgewachsen, die nun diese Gelegenheit ergriffen, um nach der Krone zu streben.“
„Gut Meister, ich sehe, eure Geschichte nähert sich der Gegenwart. Was aber wurde aus Richard und Alfons X.?“ „Richard besuchte bis zu seinem Tod im April 1272 das Reich ganze vier Mal. Sein Einfluß auf die Politik war zu keiner Zeit meßbar. Seiner alleinigen Königswürde konnte sich danach auch die tragische Figur von Alfons X., der übrigens nie sein Reich betrat, nur wenige Monate erfreuen. Als er nämlich vom Papst um Bestätigung bat, verweigerte Gregor X. (1271-76) diese, da jener seinerseits die Zeichen der Zeit im Reich genau verfolgt hatte. Denn nicht ohne päpstliches Zutun hatten sich indessen die deutschen Mitglieder des Wahlkollegiums auf einen neuen Thronanwärter verständigt: Rudolf IV., Graf von Habsburg. Dieser ehemalige Verbündete der Staufer hatte eine lange militärische Laufbahn hinter sich und konnte im deutschen Südwesten eine stabile Position vorweisen. Genauso wichtig war jedoch, daß sein Einfluß keinesfalls ausreichte, um einem seiner Wahlmänner oder dem christlichen Oberhaupt gefährlich zu werden. Mit seinem ‚Nein‘ gegen Alfons X. hatte der Papst faktisch die Möglichkeit zu einer Neuwahl geschaffen. Im Oktober 1273 bestimmten die wahlberechtigten deutschen Fürsten einhellig den Habsburger, jetzt als Rudolf I., zum König. Und, Anton, spätestens seitdem führen diese mächtigen Königswähler die Bezeichnung ‚Kurfürsten‘ ganz zu Recht.“ „Aber Meister, die deutschen Könige wurden doch seit Anbeginn der Zeit von den Großen ausgewählt und bestätigt...“ „Ja, doch vor dem Interregnum war es für die Anwärter auf den Königsthron hauptsächlich vorteilhaft, sich deren Unterstützung und die Zustimmung zu sichern. Wer nun König werden will, erlangt dies überhaupt nur noch durch das Wohlwollen der Kurfürsten! Papst Gregor X. jedenfalls bestätigte die Einsetzung Rudolfs 1274 ebenso. Bei dieser Gelegenheit scheiterte dann auch der bei dieser Wahl ausgeschlossene König von Böhmen endgültig damit, den verfallenden Anspruch von Alfons X. vor dem Papst nochmals zu vertreten.


Lieber Anton, am Ende dieser bewegten Zeit stehen nun wir und die gegenwärtigen Geschehnisse im Reich sind dir hinlänglich bekannt. Rudolf I. ist ein beliebter und fähiger Herrscher. Doch als ehemaliger Graf ist er sich völlig im klaren, daß er seine Position dem Wohlwollen wesentlich mächtigerer Landesfürsten zu verdanken hat. Seine Unabhängigkeit verdankt er allein seiner habsburgischen Hausmacht, die sich in den letzten Jahren wacker geschlagen hat. Rudolf I. hat viele Ungerechtigkeiten des Interregnums beseitigt; er hat unredliche Zölle abgeschafft und mit Hilfe der neuen Landvögte viele Reichsgüter und -lehen wieder dem Königtum zurückgewonnen.“ „Meister, was ist ein Landvogt?“ „Ja, da liegt eines der Probleme. Diese gibt es nur im Süden des Reiches. Für den Norden beauftragte Rudolf die Herzöge von Sachsen (seit 1260 Albrecht II., ein Askanier) und Braunschweig (seit 1279 Heinrich I., ein Welfe) mit der Wahrung seiner Rechte und dem Schutz der Städte, was bedeutet, daß es hier noch eine Weile dauern wird, bis wir uns von allen gesetzlosen Folgen des Interregnums erholt haben werden. Das ist jedoch auch nicht ohne Hoffnung, denn Rudolf ist schon mit anderen Problemen fertig geworden. Als Ottokar II. von Böhmen beispielsweise weiterhin ohne Anerkennung gegen ihn auftrat, schlug ihn Rudolf I. zuerst 1275 mit der Reichsacht und sorgte 1276 dafür, daß auch der Kirchenbann über ihn verhängt wurde. Und du weißt, daß Ottokar II. schließlich 1277 in der Schlacht auf dem Marchfeld alles verlor, auch sein Leben. Laß uns jeden Abend für ein langes Leben unseres Grafen Johann II., wie auch für ein solches des Königs beten, der nun schon über sechzig Jahre alt ist. Ich weiß, daß Rudolf I. im Moment daran arbeitet, den ‚Allgemeinen Landfrieden‘ wieder im ganzen Reich verkünden zu können (1287), den er schon in Bayern, Franken und im Rheinland durchgesetzt hat. Er plant auch ein Vorgehen gegen allerlei Raubrittertum, welches er zu beseitigen gedenkt (belegt 1289-1290 in Thüringen). Ist ihm das Schicksal günstig, wer weiß, so halte ich es für nicht ausgeschlossen, daß er vor seinem Lebensende noch die verdiente Kaiserwürde erhalten wird.“

[Dieses Glück bleibt Rudolf I. verwehrt bis er 1291 stirbt. Das deutsche Königtum verweilt in unruhigem Fahrwasser: Die Kurfürsten mißtrauen den erstarkenden Habsburgern, sie wählen 1291 wieder einen unbedeutenderen Grafen, Adolf von Nassau, zum König. Der älteste Sohn von Rudolf I., Albrecht I., tötet jedoch 1298 den in Ungnade gefallenen Adolf in der Schlacht bei Göllheim und wird seinerseits zum König gekrönt. Doch auch Albrecht I. wird schon 1308 ermordet. Zum Nachfolger wird Heinrich VII. von Luxemburg erwählt, der sogar 1312 die Kaiserwürde erhält, aber bereits 1313 auf einem italienischen Feldzug stirbt. Erst der 1314 gewählte Wittelsbacher, Herzog Ludwig IV. ‚der Bayer‘, behauptet den Königsthron über die Lebzeiten von Johann II, Graf zu Kiel, hinaus...]

 

Die Kirche (3.Abschnitt)