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Der Alltag (5. Abschnitt)


Der endlich das Leben von Bauern und Bürgern beschreibt, dessen Alltäglichkeiten, aber auch seine Besonderheiten und allmählichen Wandlungen.

„Lieber Anton, vielleicht ist es mit der Reihe nun an mir, dich etwas zu fragen!“ „Mich, Meister?“ „Ja. Da haben wir nun so lange über große Reiche, die Kirche und die Mächtigen dieser Welt gesprochen. Weißt du genug über die Menschen, die all die Ereignisse getragen und ertragen haben und die wir bisher höchstens am Rande erwähnt haben?“ „Wenn ihr so fragt Meister... Aber das Leben von uns einfachen Leuten ist doch reichlich eintönig und verläuft eh in immer gleichförmigen Bahnen.“ „Ach ja? Laß uns einmal zusammentragen, was noch zu Zeiten unserer Großeltern kaum oder wenigstens schlecht vorstellbar gewesen wäre.
Nimm allein die Bauern...“ „Die Bauern, Meister? Auf dem Lande braucht man irgendeinen Fortschritt doch wirklich zuletzt zu suchen!“ „Lieber Anton, ich sage es nochmals: Du lebst in einem erstaunlichen Saeculum, in dem, trotz mitunter widriger und finsterer Dinge gegenteiliger Natur, sich Frieden und Wohlstand allenthalben sogar auf die geringsten Knechte ausweiten!“ „Jetzt möchte ich aber wirklich einleuchtende Beispiele!“
„Ich beginne mit einem einfachen, bäuerlichen Gerät – der Sense.“ „Dieser lange Klingenrücken an einem mannshohen Holzstiel?“ „Genau. Damit ist es jetzt nämlich möglich, sommers Gras zu ernten und als Winterfutter zu lagern. Das macht Schluß mit dem mühseligen Laubsammeln in den Wäldern, was früher als Einstreu fürs Vieh gebraucht worden ist. Die Bauern sind froh, wenn sie diese Zeit sinnvoller verwenden können. Einen Nachteil hat so eine Sense natürlich schon: Es ist ein großes Stück Metall – und das ist teuer. Aber neuerdings werden auch Spaten- und Schaufelblätter sowie Klingen für den Pflug ganz aus Metall getrieben, was sie um einiges haltbarer macht.
Dank der vorbildlichen Arbeit der Zisterzienser (3. Abschnitt) hat sich nämlich auch endlich der Räderpflug anstelle des altmodischen Hakenpflugs bei vielen Bauern durchgesetzt (Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert). Dadurch wird der Boden nicht länger einfach nur aufgerissen, was vielfach dazu führte, daß Wind die kostbare Krume davontrug, sondern er wird regelrecht umgewendet. Außerdem können mit dieser Pflugform selbst schwerere Böden aufgebrochen werden und die Lockerung des Bodens wirkt stärker in die Tiefe.“ „Wie erfreulich, daß solche Neuerung sogar dem einfachen Landmann zu leichterem Tagewerk verhilft!“ „Dein Lob des Fortschritts in Ehren, lieber Anton, doch sind längst nicht alle Dörfer gegenüber solch neuer Arbeitsweise aufgeschlossen. Auf meinen Reisen konnte ich bisher vielfach noch die alte Pflugform finden und ich habe auch Bauern sehen müssen, die den Acker lediglich mit einer schlichten Hacke umbrachen, wie zu Adams Zeiten.


Trotzdem tut sich noch einiges mehr. Bei einem fähigen Vogt, Schultheiß oder Bauernmeister werden die Felder unserer Tage stets in einem dreijährigen Rhythmus bearbeitet. Ein Acker trägt Sommer-, der nächste Wintergetreide und einer darf brach liegen, damit Gottes Schöpfung Kraft sammeln kann für die nächste Bepflanzung. Das hat die Erträge erheblich gesteigert, denn selbst Gott pflegte, wie du wohl weißt...“ „Am siebten Tage zu ruhen! Und dann gibt es leckeres Weizenbrot, wie am Tisch der Ritter!“ „Das ist aber nicht unbedingt eine Folge des verbesserten Wohlstands unserer Tage, Anton. Es scheint, daß vielerorts irgendein Dämon in den Roggen gefahren ist, der die Leute, welche ihn verzehren, mit Brand, unheiligen Visionen und gar dem Tode heimsucht (Mutterkornkrankheit, die durch einen giftigen Getreidepilz hervorgerufen wird).
Und bevor du irgendwelches Weizenbrot verzehren kannst, muß sich der Bauer mit einer weiteren, technischen Errungenschaft auseinandersetzen.“ „Was denn jetzt noch?“ „Na, die großen Mühlen, lieber Anton, die in den letzten Jahrzehnten überall dort entstanden sind, wo die Gemeinwesen eine stattliche Größe erreicht haben.“ „Bei uns in Metz gibt es eine Wassermühle, die schon seit Generationen betrieben wird...“ „Ich will gar nicht sagen, daß die Mühlen so neu sind. Aber hier im Norden wurden lange im bäuerlichen Haushalt Handmühlen verwendet, einfach, weil die Anzahl der örtlichen Hofstellen ziemlich übersichtlich war und nur der persönliche Bedarf gedeckt wurde. Aber jetzt, Anton! Sausende Räder, stampfende Getriebe – da stehen manchem Bäuerlein die Haare zu Berge. Und eine Neuerung gibt es schon, mein Lieber! Seit diesem Saeculum (Verbreitung ab 1180) gibt es Mühlen, die ihre Kraft aus dem Wind erhalten. Es sind lustig anzusehende, auf einen Pfahl aufgebockte Häuschen, die sich in den Wind drehen lassen. Große Flügel an der Vorderseite übertragen die Windkraft über eine horizontale Rotorachse und ein ingeniöses Kegelzahnrad auf den Mahlstein – schlicht: Ein Wunderwerk der Technik!“


„Die Bauern sollten froh sein. Diese Erfindungen sparen doch Schweiß und Kraft.“ „Findige Bauern haben ihre Arbeitsweise längst angepaßt. Und da nun aller Orten, wie du es so schön gesagt hat, besser gewirtschaftet und Weizenbrot gegessen wird, steigen allenthalben die Bevölkerungszahlen. Nur so kann ich mir überhaupt erklären, wie ständig neues Volk in die Städte drängen kann und gleichzeitig Bauern mit ihren Familien und Wagen nach Brandenburg, Meißen und Preußen (3. Abschnitt) ziehen, um eine neue Heimstatt aufzubauen.
Dabei fällt mir eine andere, sogenannte Neuerung ein, die es eigentlich in anderen Gegenden auch schon sehr lange gibt. Du kannst sie besonders bei unseren Bauern hier im Norden gerade erblicken: Das Anspannen von Ochsen oder Pferden mittels eines ‚Kummets‘. Dieser gepolsterte Kragen am Zuggeschirr führt dazu, daß die Tiere die Kraft ihres ganzen Körpers in die Arbeit einbringen können. Die älteren Halsriemen führten schnell dazu, daß den Ochsen die Luft knapp wurde und für Pferde waren sie fast ganz ungeeignet. Die Knechte freut das einerseits, weil sie nun sogar mehrere Ochsen vor der Pflugschar einsetzen können und das steigert die Leistungen, die sie pro Tag vollbringen können. Andererseits kannst du auf den Straßen sehen, daß vielmehr Pferde als früher unterwegs sind, vornehmlich vor den großen Fuhrwerken, die heuer Transportzeiten verkürzen und das Einbringen der Ernten beschleunigen.


Ist dir nicht ohnehin auf dem Ochsenweg nach Tunder (1. Abschnitt) aufgefallen, wieviel belebter die Straßen sind?“ „Ja, Gesindel, Räuber und fahrendes Volk...“ „Wir hatten Glück im Unglück, lieber Anton! Nein wirklich: Nicht nur Vaganten, Spielleute und Bettler sind mit uns unterwegs gewesen. Auch Kaufleute, andere Mönche, Ritter mit ihrem Troß, sowie Handwerker auf dem Weg von einer Baustelle zur anderen begleiteten uns. Wo wir nun gerade über Handwerker und ihre Techniken geredet haben: Seit kaum hundert Jahren bauen wir ganz anders als unsere Vorfahren. Ein Zeugnis dieser neuen Kunst kannst du sehen, wenn du nur vor die Tür trittst: Unsere frisch errichtete Nikolaikirche hier in Kyle (vollendet 1268).“ „Wir Franziskaner stehen doch aber eigentlich für Bescheidenheit...“ „Darum sind doch auch Kirche und unser Kloster in Backstein ausgeführt, lieber Anton, quasi aus Erde geformt, wie wir selbst. Dennoch kannst du beiden Bauwerken die neue Kühnheit des ‚Gotischen Stils‘ ansehen, der zu Beginn unseres Saeculums in Frankreich entstanden ist (Chartres 1194, Reims 1211). Die unerschrockenen Baumeister haben herausgefunden, wie sie mit Strebepfeilern und –bögen das Mauerwerk der großen Kathedralen entlasten können. Ihre jetzigen Gebäude weisen eine nie gekannte Leichtigkeit und im Innenraum Höhen von manchmal über dreißig Metern auf! Man kann es sich erlauben, riesige Glasfenster, ja lieber Anton, du hörst richtig, in die Außenwände einzulassen, die nicht mehr von dicken Säulen verdrängt werden. In unserem Reich werden in Trier (ab 1235), Köln (ab 1248) und andernorts gewaltige Mühen zum weiteren Lobe Gottes angestrengt, deren Kunstfertigkeit ihresgleichen sucht. Bei einem solchen Bau sind übrigens Kräne und Hebewerke, den Mühlengetrieben ähnlich, zu erblicken, die unsere Ahnen allein ob ihrer schieren Größe mit Schrecken erfüllt hätten! Bei all diesen Werken organisieren sich die Handwerker jetzt zu sogenannten ‚Bauhütten‘, in denen Meister, Gesellen und Lehrlinge verschiedener Künste zusammenarbeiten und sich gegenseitig ihr Wissen weitergeben. Ein sehr frommer, fast franziskanischer Gedanke, möchte ich beinahe sagen... Auch profane Gebäude wandeln dadurch ihre Gestalt: Burgen und Befestigungen verlieren ihre schlichten, viereckigen Grundrisse, weil unser Zeitalter es sich erlauben kann, runde Wehrtürme auszuführen, die keine ‚toten Winkel‘ mehr aufweisen. Reiche Städter und Adelige haben begonnen, den Klerus nachzuahmen und schmücken ihre Häuser mit Scheiben aus Buckelglas.“ „Künstler arbeiten eben nach wie vor für den, der am meisten im Säckel hat!“ „Gut, das wahre Kunst noch ihren Preis hat, sonst sähe bald jede Stube wie eine Kirche aus. Heuer wird jedes Rathaus ausgemalt, dabei gibt es längst etwas Besseres: Wahre, von Gott inspirierte Künstler lassen ihre Werke nun auf Holztafeln entstehen, die dann einen Platz erhalten, der ihnen frommt (Altarbilder im 13. Jahrhundert).“


„Trotzdem habt ihr schon zugegeben, daß man den immer stärker werdenden Einfluß der Bürger nicht leugnen kann!“ „Wer wäre ich als Franziskaner, das anzuzweifeln. Gerade wir sind doch ein Zeugnis städtischer Kultur schlechthin (3.Abschnitt). Wenn ich sagte, daß allein Ottokar II. jedes Jahr mehr als zwei Städte gründete (1253-1278, 2. Abschnitt) und auch die Ostbesiedlung (ab 1250) ohne Neugründungen gar nicht denkbar wäre, vom Reich selbst ganz abgesehen, wo wieder verstärkt adelige Gönner Siedlungen ausweisen, dann wird dereinst die Stadt Symbol unserer Gegenwart werden. Nimm zum Beispiel Lübeck: 1143 von Graf Adolf II. von Schauenburg und Holstein gegründet. 1160 schon erstes Stadtrecht von Heinrich ‚dem Löwen‘. Dann 1200 Hafen für die Ostkolonisation und schließlich verleiht Kaiser Friedrich II. den Lübeckern 1226 die Reichsfreiheit und macht den Ort zur unabhängigen Reichsstadt. Ein schöner Stein, der nun der holsteinischen Grafenkrone verloren ist. Aber jetzt! Hast du das neue, herausfordernde Stadtsiegel der Lübecker gesehen (1280)? Kein Herrscher, weder König noch Bischof, ziert es mehr, sondern zwei Schiffergenossen in ihrem Kahn! Und ihr Stadtrecht, lieber Anton, wird jetzt landauf, landab, das ‚Lübische‘ geheißen und ist überall begehrt – wir haben es gerade erst nach Tunder getragen, wie du dich sehr wohl erinnern wirst. Die Kieler würden es den Lübeckern gerne nachmachen und das ‚Lübische Recht‘...“ „...Haben sie schon seit 1242 von Adolf IV. – ich habe aufgepaßt, Meister (1. Abschnitt). Aber ich finde so eine Kaufmannssiedlung mit ständigem Markt eigentlich ganz angenehm. Auch wenn jetzt vieles mit Münzgeld bezahlen werden soll (In Mittel- und Nordeuropa etwa 1250). Man muß nicht mehr alles selber herstellen, wie früher Zuhaus. Hier kann ich einfach zu einem Handwerker oder Krämer gehen und seine Ware prüfen. Als ich neulich einen Gürtel kaufen wollte, hatte ich richtig Auswahl – beim Sattler, Täschner, Riemenschneider und beim Lederer konnte ich stöbern...“ „Dein Vergnügen wurzelt in der städtischen Ordnung, lieber Anton. Um sich für Alter oder Todesfälle zu versorgen, haben sich bereits viele Handwerker in ‚Zünften‘ organisiert (ab 1250 flächendeckend, in Nordelbien wird der Begriff ‚Ämter‘ verwendet). In einer Stadt hat nicht mehr jeder Familie, die für ihn aufkommt. Die Zünfte errichten Spitäler für die Gebrechlichen, organisieren aber auch Feste und helfen Neuankömmlingen, einen Arbeitsplatz zu finden. Teilweise setzen sie Qualität und Preise fest. Und wie du beim Lübecker Schiffersiegel erkennen kannst, fangen sie mit steigendem Selbstbewußtsein an, in der Stadtregierung mitzubestimmen. Daran haben aber auch die adeligen Stadtgründer manchmal selber Anteil: Indem sie für ihre Stadt werben wollen, gestatten sie Neubürgern reichlich Privilegien, wie Abgabenbefreiung oder gar Aufhebung der Leibeigenschaft. Das kann vielleicht Blüten treiben, lieber Anton...“ „Worauf spielt ihr an?“ „Nun, göttliche Ordnung, Mann und Frau...“ „Könntet ihr eurem Schüler zuliebe deutlicher werden?“ „Bitte: Das Stadtrecht schützt nicht nur Bürgerinnen bei Ledigkeit vor Zwangsehen mit einem älteren Mann ihrer Sippe, es stellt auch verheiratete Weiber im Erbfall ihrem Ehemann gleich. Kaufmannsfrauen können jetzt als echte ‚Kauffrauen‘ auftreten und sogar als solche handeln und Schulden machen. Wozu solche Sitten führen können, ist noch gar nicht abzusehen, hoffentlich regiert unser Johann II. hier in Kyle da mit Augenmaß...!“
„Meister, mich dünkt, nun ist die Reihe an euch, wegen solch rechtlicher Kleinigkeiten das Abendland in Gefahr zu wähnen...“ „Schätze diese ‚Kleinigkeiten‘ nic

ht für gering, lieber Anton! Zwar wurde auch das Recht auf dem Lande bereits vor fünfzig Jahren durch den Ministerialen Eike von Repgow (ca. 1185-1234) mit dem ‚Sachsenspiegel‘ (ca. 1230) festgeschrieben, doch die neuen Stadtrechte mit den von mir soeben zitierten Vorteilen sind für die Landbevölkerung sehr attraktiv. Und fast alle Städte an Nord- und Ostsee haben sich bereits mit so einem Stadtrecht versehen. Die ‚Hansen‘, die sich ursprünglich hauptsächlich als städtische Schutzbündnisse während des ‚Interregnums‘ (2. Abschnitt) ausgebildet hatten, sorgen nun in anderen Reichen dafür, wie unser Land wahrgenommen wird!“ „Wie soll ich das nun wieder verstehen?“ „Hansekaufleute aus unseren Städten besitzen mittlerweile von London und Brügge über Bergen und Wisby bis nach Livland und Novgorod eigene Quartiere mit ihren örtlichen Kontoren (nachgewiesen 1282). Überall kennt und benennt man sie als ‚die Deutschen‘. Lübeck selbst hat gerade London und gar Köln in seiner Bedeutung für Handel und Warenumschlag abgelöst. Du siehst Anton, hier an den Küsten und auf den großen Reisewegen sind es nicht mehr Ritter, sondern Kaufleute, die unser Banner vorantragen.


Es tut sich aber auch gerade etliches bei der Ausprägung neuer Handelsstraßen, speziell bei den etwas exotischeren Waren. Als noch genug Kreuzfahrer im Heiligen Land weilten und während der Zeit der ‚Reconquista‘, zu deren Zeiten es noch viele Araber in Spanien gab, wurden Seiden, Brokate, Baumwolle, Farbstoffe, Gewürze, Arzneimittel und Edelsteine vielfach direkt mit den Mauren gehandelt. Nun werden die meisten dieser Waren über italienische Stadtrepubliken wie Venedig und Genua gehandelt, die während der Kreuzzüge ihre Monopolstellung ausgebaut haben (Die Handelswege verlagern sich erst ab 1492 Richtung Atlantik). Das ist wieder ein Vorteil für unsere Küstenlage. Denn der Seehandel daselbst wird ohnehin weiter zunehmen und viele Lasten, die bisher mühsam über Land transportiert wurden, werden, trotz der flinken Pferde, von nun an noch schneller über die See kommen“ „Was läßt euch das annehmen?“ „Während der späten Kreuzzüge haben findige Handwerker hier im Norden einem neuen Schiffstyp zum Durchbruch verholfen: Der Kogge (vereinzelt vor 1230). Diese vereint die stabile Klinkerbauweise der alten Langboote mit einem gewaltigen Laderaum, so daß die Waren nun unter Deck vor dem Zugriff der Wellen sicher sind.“


„Wie ihr es darstellt, Meister, hört es sich so an, als ob die ganze Welt sich demnächst schneller drehen wird.“ „Für den, der die Möglichkeiten zu nutzen vermag, wird es so erscheinen. Auch das Wissen wird, wo es möglich ist, von nun an flinker reisen. Sonst wären solche gelehrten Dispute wie die zwischen Scholastikern der ‚Via Antiqua‘ (wörtlich: ‚Alter Weg‘) und der ‚Via Nova‘ (wörtl.: ‚Neuer Weg‘) doch gar nicht möglich (siehe 3. Abschnitt). Und wissenschaftliche oder sogar medizinische Erkenntnisse, wie die der Araber Avicenna (= Ibn Sina 980-1037) und Averroes (= Ibn Ruschd 1126-1198), hätten es sonst niemals über die Alpen und bis in unsere Klosterbibliotheken geschafft. Und dank diesem gerade aufgekommenem, neuartigen ‚Papier‘ ist es ja jetzt auch möglich, Dinge niederzuschreiben und zu verbreiten, die nicht ganz so bedeutsam sind (Erste Papiermühle in Italien 1268). Aber, lieber Anton, vor einem zu raschen Durchbruch allgemeiner Gelehrsamkeit sind wir weit entfernt, wenn ich dich an die eingangs beschriebenen Bauern mit Hacke und Handmühle erinnern darf.“


„Ein wenig Kultur stände doch jedem ganz gut. Es gibt ja nicht nur die von euch so hoch geschätzte Gelehrsamkeit. Unsere Bibliotheken enthalten doch auch viele Werke der Literatur, erbauliche Bücher...“ „Nun ja, wer sie denn außerhalb des Klerus lesen kann! Die großen Dichter und ihre Geschichten, vom Beginn unseres Saeculums (Wolfram von Eschenbach ca. 1160-1220, Walter von der Vogelweide ca. 1170-1230), werden beispielsweise beim Adel natürlich immer noch gern gehört und erzählt, doch habe ich bemerkt, daß die moralische Artusgeschichte und belehrende Heldenepen zur Zeit nicht mehr recht beliebt sind. Im Moment scheint so etwas wie eine kleine, schöpferische Pause eingetreten zu sein, wo endlich kluge Gönner (Rüdiger II. von Manesse ca. 1240-1304) die Mühe unternehmen, die zahllosen Minnegesänge, Spruchdichtungen und Rittergeschichten der letzten Jahrzehnte (u.a. Tannhäuser 1200-1266, Ulrich von Liechtenstein ca. 1200-1275) zu sammeln und zu ordnen (Heidelberger Liederhandschriften 1275-1300). Dennoch sind noch immer einige wackere Schöpfer am Werke, wie der alte Meistersänger Konrad von Würzburg (1225-1287) oder Wizlaw von Rügen (ca. 1265-1325). Gegenwärtig hört man auch einiges von dem frommen Heinrich von Meißen (ca. 1255-1318), der jetzt das ‚Frauenlob‘ zu Ehren der Himmelskönigin angefertigt hat. Die Jugend möchte momentan mehr Heldengeschichten und Abenteuerromane hören, begehrt sind auch weiter diese unseligen Gedichte über ‚Niedere Minne‘ und Verslein über Bauerndörfer, mit denen ehedem Neidhart von Reuental (ca. 1180-1245) angefangen hat.“ „Ja oder diese phantastische neue Weltchronik (1272) von Jans dem Einikel (ca. 1250-1303)!“ „Bei Gott, Anton, du liest solch schlechte Knittelverse über profane Dinge? Kein Wunder, daß es mit deiner Kenntnis der Gegenwart so schlecht bestellt ist. Nimm dir lieber ein paar von den klugen lateinischen Lehrschriften des Hugo von Trimberg (1230-1314) vor. Oder – ich persönlich finde dieses neue ‚Schachzabelbuch‘ (1280, Erstausgabe anonym) sehr interessant, das gerade frisch kursiert, welches menschliches Wirken an Hand eines Schachspiels zu erklären versucht.“


„Puh, wie langweilig. Wieder habt ihr den Bogen zurück zur Gelehrsamkeit geschlagen. Selbst Christus hat uns Menschen gegönnt, nicht allein von Brot zu leben. Wir Menschen bedürfen auch Freuden, Launen, Moden...“
„In puncto Mode hat sich ja nun in den letzten Jahrzehnten sehr wenig getan. Die Herren tragen jetzt regelmäßiger (ab 1250) die Bundhaube, das mag sein. Ich muß trotzdem sagen, es ist doch recht lästig, daß die Bekleidung von Mann und Weib so herzlich ähnlich geworden ist, daß man sie von hinten oder bei Nacht schier verwechseln kann. Zu Zeiten meines Vaters hat der Mann wenigstens stets noch seinen Rock gegürtet und der war auch nicht so elendig lang, wie es jetzt überall von jedem Lackel gezeigt wird, der gerne einen Ritter nachzuahmen wünscht. Ein Unterkleid, ein Oberkleid, bei kaltem Wetter eine Bruche (eine Art ‚Unterhose‘), Beinlinge, wenn’s sein muß ein Mantel – das reicht doch zur Glückseligkeit. Gut, beim Frauenvolk sind die Ärmel enger oder besonders weit – solche Extravaganzen müssen wohl sein – solange die Haare züchtig von einer Haube bedeckt werden, will ich nicht zu sehr diese hohe Büstentaille schelten, die besonders die adeligen Damen gerne präsentieren.“ „Haha – Meister! Hier nun ist euer Kenntnisstand nicht ganz auf der Höhe, möcht‘ ich wohl sagen. Also erstens ist diese schreckliche Zeit vorbei, in der das meiste immer aus dieser kratzigen Wolle war. Habt ihr mir nicht vorhin vom Orient- und Frankreichhandel vorgeschwärmt? Linnen, manchmal diese neumodische Baumwolle und Seide sind jetzt gefragt, besonders nah am Leib! Zierliche Hände, die mit der Schnur des Tasselmantels spielen, knöchelhohe Stiefelchen auf Trippen (Unterschuhe aus Holz) und diese unglaublichen Obergewänder ohne Ärmel...“ „Anton! Du bist ein Mönch! Erinnere dich deiner Gelübde! ...Selbst wenn das Weib eben leichter zu versuchen ist.“ „Je nachdem, guter Meister. Habt ihr diese Männermoden in den Städten des Südens gesehen? Manch einer trägt jetzt den gesteppten Waffenrock, ihr wißt schon, der eigentlich einst unter der Rüstung steckte, aus edlem Zeug jetzt offen auf der Straße – ‚Wams‘ (ca. 1300) wird das genannt – und es wird immer kürzer! Andere haben begonnen, ihre Beinlinge oben in der Mitte zusammennähen zu lassen und wenn sie sich jetzt bücken, kann man...“ „Danke Anton, erschöpfender brauchen wir Franziskaner dieses Thema wirklich nicht zu behandeln. Viele Landleute sind froh, wenn sie zwei Gewänder, für Alltag und Festtag, besitzen; anderweitiger, gottloser Luxus ist doch wieder mal exemplarisch für die neureichen Bürger, die glauben, allen Anstand abschütteln zu können.
Da ist es tatsächlich ein Segen, daß in unserem Saeculum einige Glaubensregeln nun für alle gültig und verbindlich festgelegt wurden, so daß zumindest Gott gegenüber eine gewisse, allgemeine Würde gewahrt bleibt.“ „Damit meint ihr...?“ „Daß jeder am Sonntag die für ihn zuständige Pfarrkirche aufsucht und nicht eine beliebige, die ihm besser paßt - oder gar die Schenke! Auch, daß jeder und jede wenigstens einmal im Jahr am Abendmahl teilnehmen soll (Viertes Laterankonzil 1215). Der Kniefall, das Kreuzzeichen, gefaltete Hände beim Gebet (unter Papst Innozenz IV. 1243-54), das ‚Ave Maria‘ und das ‚Credo‘ (Rosenkranz und Glaubensbekenntnis wurden mit dem 2. Konzil von Lyon 1274 unter Gregor X. verankert), all diese neuen frommen Instrumente geben den Gläubigen die Möglichkeit, am Gottesdienst stärker Anteil zu haben und bringen Glauben und Kirche dem Herzen der einfachen Leute wieder näher.“


„Eine Errungenschaft von uns Mönchen haben die Städter ja ziemlich schnell ins Herz geschlossen, Meister.“ „Siehst du, lieber Anton. Welche ist die besonders aufgefallen?“ „Unsere Zeiteinteilung durch die regelmäßigen Stundengebete. Und die Notwendigkeit, daher den Verlauf der Zeit zu messen!“ „Ach, Anton, du spielst auf diese peinigenden Uhren an, die erst vor kurzem erstmalig in einigen Klöstern aufgestellt wurden (Erster Nachweis Deutschland 1269)? Ich hoffe, daß Kyle noch eine Weile von dieser Erfindung verschont bleibt, obwohl ich, offensichtlich genau wie du, gehört habe, daß in manchen Orten die Stadtväter mit diesen neuen Instrumenten liebäugeln und sie gerne am Rathaus oder auf einem Turm zur Schau stellen würden.


Nicht jede Neuerung ist ein Segen und die Kirche tut gut daran, solchen Erzeugnissen gegenüber skeptisch zu bleiben, selbst wenn sie gelegentlich gewissermaßen hausgemacht sind. All diese gewiß gut gemeinten Werke machen mich nicht satt, sie sorgen nicht für besseren Nachtschlaf und sie machen das Leben auch nicht sicherer. Viel braves Volk muß jeden Tag mit einer rauhen Schöpfung um sein täglich Brot ringen und wer von der Hand in den Mund lebt, dem nützt Fensterglas nichts - und das Vaterunser wenig (Das ‚Hochmittelalterliche Klimaoptimum‘, welches die wirtschaftlichen Bedingungen seit Mitte des 10 Jh. förderte, endet im 13. Jh.). Manches Mal werden wir Menschen von so schlimmen Heimsuchungen bedroht, daß selbst unser Verstand, mit all seiner Genialität, uns nicht retten kann. Ich weiß nicht, ob Gott die Küstenbewohner strafen wollte, jedenfalls stieg das Meer schon zweimal in diesem Saeculum greulich an, daß es sogar in die Flüsse Weser und Ems hineinströmte. Mensch und Vieh verloren ihr Leben, als die aufgewühlte See gutes Land in ihren Abgrund riß (So entstehen 1219 der Jadebusen und 1277/1287 der Dollart). Zum Kummer, der durch solche Katastrophen, durch Krankheiten oder Schädlinge hervorgerufen wird, braucht der Ackermann nicht noch von Mitmenschen verursachtes Leid, wie Kriege, Verheerungen, Teuerungen oder...oder...“


„Oder Wegelagerer, Meister! Ich vermeine, langsam eure guten Lektionen verstanden zu haben. Und - ganz ehrlich - dank eures hartnäckigen Beistands an meinem Lager sehe ich der Weiterreise mit euch nicht nur ermutigt, sondern geradezu gespannt entgegen. Trotz manch dunkler Farben habt ihr mir eine so unglaublich bunte Schöpfung ausgemalt, daß ich sicher bin: Wir gehen guten Zeiten und Jubeljahren entgegen (In der Tat anno 1300 von Papst Bonifaz VIII. ausgerufen...)! Wartet es nur ab, in einigen Tagen kann ich wieder jeden Haderlumpen niederwerfen und sogleich brechen wir auf, außerdem schuldet ihr mir noch das Ende einer Geschichte!“ „Eine Geschichte, lieber Anton?“ „Ja, von diesem verrückten Italiener namens Polo, der behauptet hat, in China gewesen zu sein und der seit 1271 verschwunden ist!“ „Marco Polo (1254-1324)? Ich glaube nicht, daß irgendwer jemals wieder von ihm hören wird. Schon unser weitgereister Mitbruder Wilhelm von Rubruk (1210-1270), der immerhin selbst im Auftrag von Innozenz IV. Asien bereist hat, verglich die Lebensfeindlichkeit und die Einwohner der östlichen Steppen mit...“

An dieser Stelle wollen wir uns von unseren beiden Führen durch das 13. Jahrhundert, den Franziskanern Wilbert von Barwell und Anton von Metz, verabschieden, um sie, ganz privat, ihren weiteren angeregten Disputationen zu überlassen...

 

Quellenverzeichnis