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Die Kirche (3. Abschnitt)


Der Anton in eine Welt von Päpsten, Ketzern, Ordensgründern, Scholastikern, Mystikern, Kreuzfahrern, Ordensrittern und Juden führt.

„Meister, verzeiht mir, wenn ich vielleicht eine unbotmäßige Frage stelle. Die Geschichte zwischen Friedrich II. und den Päpsten geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und als es später, während des Interregnums, keinen echten König und keinen Kaiser mehr gab, so gab es doch die Kirche. Was ist mit dem Pax Dei, dem Gottesfrieden, der den Schwachen und Schutzbedürftigen zukommen soll?“ „Lieber Anton, das ist keine unbotmäßige Frage, sondern eine sehr wichtige, wenngleich sie ein wenig naiv ist. Zur Entfaltung des Gottesfriedens war und ist die Kirche stets auf die Mitwirkung der weltlichen Gewalten angewiesen. Diese können dann beispielsweise den ‚Allgemeinen Landfrieden‘ verkünden, den gegenwärtig König Rudolf I. so nachdrücklich vorantreibt (bis 1287).“ „Dann wird es niemals den ‚Pax Dei‘ geben, denn die Welt wird immer wieder der Sünde nachgeben...!“ „Mit solch düsteren Gedanken befindest du dich in guter Gesellschaft, lieber Anton, auch wenn du es nicht weißt. Außerdem bist du selber der kleine Mosaikstein einer heiligen Lösung...“ „Löst mir diese Rätsel auf, in denen ihr sprecht, guter Meister!“ „Es heißt, daß Papst Innozenz III. im Jahre 1210 einen sinnbildlichen Traum hatte, in welchem er den Einsturz der ganzen Kirche erleben mußte.“ „Schrecklich!“ „Ja, schrecklich, doch ein Mann kam in diesem Traum vor, der den Einsturz dann doch verhinderte...“ „Wer vermochte es?“ „Der erhabene Gründer unseres Ordens, Franziskus von Assisi (1181-1226)!“ „Gepriesen sei sein Name, aber hatte Innozenz denn Grund zu solcher Sorge? Und warum Franziskus?“ „Langsam, lieber Anton, ich versuche alles zu beantworten.


Zunächst einmal befand sich die Kirche zu Beginn unseres Saeculums tatsächlich am Rande einer Krise. Verschiedenes trug dazu bei, unter anderem die Gängelung durch Könige und Kaiser, von denen die Päpste lange Zeit abhängig waren. Wie Innozenz III. und seine Nachfolger von diesem Joch bis heute ihre Freiheit erstritten, habe ich zuvor beschrieben (2. Abschnitt), auch wenn die dabei angewandten Methoden manchmal so weltlich waren, wie die Gegner, die man bezwingen wollte. Doch die Kirche verlor an einer genauso wichtigen, anderen Front an Zuspruch, und das war die Menge der einfachen Gläubigen.“ „Wie war das möglich?“ „Das Volk erkannte sich in der Kirche nicht mehr wieder und glaubte, daß die Priester ihnen Wasser predigen würden, selbst aber kräftig dem Wein zusprachen.“ „So ein Unsinn...“ „Leider nein, lieber Anton. Nicht nur Bischöfe und Erzbischöfe, die meist adeligen Familien entstammten, verwalteten großen weltlichen Besitz. Auch viele Priester hatten begonnen, Reichtümer anzuhäufen. Sogar das Mönchtum verhielt sich oft nicht länger vorbildlich, denn ihre Arbeit und fromme Stiftungen brachten ihnen zahlreiche materielle Güter ein, so daß manche Klöster im Luxus schwelgten und die strengen benediktinischen Regeln häufig vergaßen.


Wie schlimm die Entfremdung der Gläubigen um 1200 war, kannst du an dem Zulauf erkennen, den merkwürdige ketzerische Religionsgemeinschaften wie ‚Katharer‘ oder ‚Waldenser‘ erhielten.“ „Toll, ihr wißt etwas über Ketzer...!“ „Anton, das ist kein schönes Thema, doch ich werde dich kurz darin einführen, um deinen Enthusiasmus zu dämpfen. Beide Gruppen sind Auswüchse einer tiefen Volksfrömmigkeit und sie entstanden aus der verzweifelten Suche nach persönlich nachvollziehbarem Heil. Dennoch sind beide Gruppen grundverschieden. Die ‚Katharer‘, die in Frankreich auch Albigenser hießen, waren Extremisten, die sich selbst als ‚Wahre Christen‘ bezeichneten. Sie sahen die materielle Welt als böse an, alles was bei ihnen zählte, war die Seele. Außerdem verdammten sie das Alte Testament. Ihren ersten großen Auftritt hatten sie 1147 in Köln, ihre Hochburgen standen jedoch in Okzitanien (Südfrankreich). Die ‚Waldenser‘ sind seit 1176 nach dem lyoneser Kaufmann Valdes benannt. Sie wünschen, daß jedermann die Geheimnisse der Bibel lesen und auslegen kann und geben auch Laien das Recht dazu. Beide Gruppen gerieten durch diese Aussagen schnell in Konflikt mit unserer Kirche. Der Papst Alexander III. (1159-81) und seine Nachfolger reagierten scharf, indem sie die von ihnen als ‚Ketzer‘ bezeichneten Gruppen mit Bann belegten und exkommunizierten – diese Maßnahmen blieben aber anfänglich recht wirkungslos. 1198 erhielt Innozenz III. die Papstwürde. Er schlug zunächst einen anderen Weg ein und schickte 1206 eine Gesandtschaft mutiger Mönche, allesamt gebildete Prediger, in die Katharergebiete. Unter ihnen übrigens auch ein junger Mann namens Dominikus (1170-1221). Als im Jahr 1208 jedoch ein Mordanschlag auf die Schar verübt wurde, war offensichtlich, daß Überzeugung allein nicht reichen würde. Mittlerweile hatten die Katharer Unterstützung von lokalen Adligen erhalten und hielten sogar eigene Burgen. So herausgefordert, rief Innozenz III. noch im selben Jahr zum Kreuzzug wider die Ketzer auf! Dieser, ab dem Jahr 1209 von dem erprobten Kreuzfahrer Simon IV. de Montfort (1160-1218) mit äußerster Gewalt geführt, ging als ‚Albigenserkreuzzug‘ in die Annalen ein. Er währte, mit Unterbrechungen, bis 1229 und geriet zu einem um Territorialgewinn geführten Feldzug der französischen Krone. Er traf die Katharerbewegung schwer und zerstörte ihre Ressourcen, rottete sie im Volk jedoch nicht gänzlich aus. Unterdessen war der politisch erfahrene Gregor IX. (1227-41) ins Papstamt aufgestiegen. Er schärfte 1231 ein von Alexander III. ersonnenes und von Innozenz III. 1215 auf dem Laterankonzil bestätigtes Instrument...“ „Die Inquisition, Meister!?“ „Die Heilige Inquisition, der er einen formalen, institutionsartigen Status gab und sie in die Hände der Dominikaner legte. Die Inquisition war in der Lage, auch die Fehlgeleiteten im okzitanischen Volk ausfindig zu machen. Schließlich kam es 1243 mit Hilfe des französischen Königs zur Belagerung der letzten katharischen Zuflucht, der Burg Montségur. Deren Einnahme ein Jahr später, 1244, bedeutete das Ende des katharischen Wirkens in Frankreich. Eine verbliebene katharische Burg in Italien, lieber Anton, ist übrigens erst vor kurzem, 1276, in Italien am Gardasee geschleift worden. Alle Überlebenden fanden ein greuliches Ende und wurden nach dem Inquisitionstribunal 1278 in Verona verbrannt. Falls es noch irgendwo versprengte Irrgläubige geben sollte, so wird sie der lange Arm der Inquisition sicher auch bald richten (so geschehen in den Pyrenäen zwischen 1299 und 1325).“ „Ihr laßt mich schaudern, Meister, und kaum mehr nach dem Schicksal der Waldenser fragen...“ „Die Waldenser sind weder so radikal noch so militant wie die Katharer, ferner gerieten sie nie in die Fänge der großen Politik, da sie kaum adelige Anhänger haben. Auch sie erhielten aber schon 1184 Predigtverbot und wurden aus vielen Städten vertrieben. Da Papst Innozenz III. 1215 ihren Ketzerstatus auf dem Laterankonzil bestätigte, bildeten sich nur noch gelegentlich lokale Kleingruppen von ihnen. Diese wurden ab 1231 ebenfalls zunehmend von der Inquisition ausgehoben. Ein Teil der Waldenser, die ‚Pauperer‘, erkannte jedoch seinen selbstzerstörerischen Irrweg und versuchte, wieder in den Dialog mit der Kirche zurückzukehren. Innozenz III. und insbesondere sein Nachfolger, Innozenz IV. (1243-54), gestatteten ihnen diese goldene Brücke und die reuigen Sünder gingen 1245 in die Gründung des Augustinerordens, übrigens ein Bettelorden wie der unsere, ein. Die unbelehrbaren Restwaldenser verdammte Innozenz IV. 1252 in seiner ‚Ketzerbulle‘ auf das strengste und bis in unsere Zeit werden gelegentlich noch Waldensergemeinden von der Inquisition überführt. Ich meine, die letzten Prozesse fanden vor kurzem im Donauraum, in Schwaben und in Bayern statt... So, lieber Anton. Und nun genug mit diesem unerfreulichen Diskurs über Ketzer. An ihnen wollte ich lediglich demonstrieren, was der Kirche drohte, als die schlichten Gläubigen in Verwirrung geraten waren.


Ich wollte dir ursprünglich ganz anderes berichten: Wer sollte sich denn nun um die Bedürfnisse der einfachen Leute bekümmern, die doch nur Halt im Glauben suchten? Ich hoffe du hast dir die Namen Franziskus und Dominikus gemerkt?“ „Wie könnte ich sie, speziell ersteren, je vergessen?“ „Beide schufen eine völlig neue Form mönchischen Lebens, indem sie unsere Bettelorden gründeten. Eigentlich sind wir ja eine noch wirklich neue Erscheinung, da Innozenz III. erst 1210 die Franziskaner und der Nachfolgepapst Honorius III 1216 die Dominikaner bestätigte. Unsere Klöster sind schlicht, geradezu ärmlich, doch was für das Volk viel wichtiger ist, im Gegensatz zu Benediktinern oder Zisterziensern stehen unsere Häuser mitten in den Städten! In unseren Zielen erkennen sich die Gläubigen wieder, sei es in unserer Armut, den volksnahen Predigten oder der Fürsorge für Arme und Schwache. Doch das ist nicht alles, da uns natürlich niemand verbot, Kunst und Wissenschaft zu betreiben. Unsere Klöster sind allenthalben Stätten der Gelehrsamkeit. Leider blieb diese Freude nicht ungetrübt, da es schon bald zu einem Streit in der Methodik zwischen beiden Orden kam. Die Dominikaner hielten an der antiken Autorität von Aristoteles fest, und grandiose Theoretiker wie Albertus Magnus (1200-1280) und Thomas von Aquin (1224-1274) streiten für sie. Wir hingegen glauben, daß es erlaubt ist, der alten Scholastik neue Erfahrungen hinzuzufügen und Kapazitäten wie Roger Bacon (1214-1294) oder Bonaventura (1217-1274) rufen zu kritischer Überprüfung und Naturbeobachtung auf.“ „Meister, wer sind denn dann die Mystiker?“ „Mystik? Ach Gott, lieber Anton, das nun wieder ist eine Abwendung von der Scholastik, nach innen hin, zur Seele. Die bekannteste Mystikerin war wahrscheinlich die Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098-1178). Mystik wird vielfach in Frauenklöstern geübt, doch du hast recht, auch die Dominikaner haben eine neue Hinwendung zu dieser Richtung unternommen. Ein Schüler des Albertus Magnus, Meister Eckhart (1260-1327) hat neuerdings wieder Predigten mit mystischen Inhalten gehalten.


Lieber Anton, meiner langen Rede kurzer Sinn sollte sein, daß Innozenz III. und seine Nachfolger durchaus nicht nur mit Gewalt auf die Mißstände reagierten. Unser 13. Saeculum hat eine ganze Reihe innerkirchlicher Reformen gesehen, auch wenn es 1231/32 keine glückliche Entscheidung war, die Dominikaner mit der Pflicht der Inquisition zu beauftragen, nur weil sie ‚volksnah‘ waren.“


„Aber all die Kreuzzüge beispielsweise, zu denen die Päpste immer wieder aufriefen – bei diesen ist doch auch stets viel Blut vergossen worden. Wie ihr erzählt habt, gab es Kreuzzüge gegen Ketzer, sogar mal gegen einen Kaiser... - Meister, warum gibt es dann seit neuestem keine Kreuzfahrten mehr gegen die Heiden ins Heilige Land?“ „Wohl, weil es niemanden mehr gibt, der sie anführen könnte, noch jemanden, der sie länger bezahlen möchte. Aber im Ernst: Wie du weißt, ging Jerusalem 1187 wieder an die Ungläubigen verloren. Und weder der 3. Kreuzzug (1189-92) unter Friedrich I. ‚Barbarossa‘ (1122-1190) und Richard I. ‚Löwenherz‘(1157-1199) noch der 4. (1202-04) unter dem französischen Markgrafen Bonifaz von Monferrat (1155-1207) konnten an diesem Unheil etwas ändern. Sogar unser Ordensgründer, Franziskus selbst, hatte sich 1218 einer kleinen Streitmacht unter dem spanischen Prälaten Pelagius angeschlossen. Und auch er kehrte zurück und beschrieb die Verhältnisse als ‚hoffnungslos‘.“ „Aber Friedrich II. (1194-1250) gewann 1229 die Heilige Stadt mit dem 5. Kreuzzug doch zurück?“ „Gewiß, lieber Anton, aber auf ungewöhnliche Weise. Zunächst einmal stand er zu diesem Zeitpunkt seit 1227 schon unter dem Bann von Papst Gregor IX., der, wie ich zuvor (2. Abschnitt) schon beschrieben habe, keinen Grund hatte, sich einen starken Kaiser zu wünschen. Und was den Erfolg Friedrichs II. in den Augen der Kirche und vieler Gläubigen besonders seltsam erscheinen ließ, war die Tatsache, daß ihm dieser Handstreich kampflos gelang, nämlich durch einen Vertrag mit dem ägyptischen Sultan El-Kamil († 1238). Nichtsdestoweniger war Jerusalem wieder befreit und der Christenheit bewahrt. Freudiger Überschwang und der übliche Mangel an Geld und Einigkeit führten jedoch dazu, daß übersehen wurde, die Stadt wieder ordnungsgemäß zu befestigen und zu sichern. Als sich 1244 eine große türkische Streitmacht, die ins Land eingefallen war, Jerusalem näherte, gab es nichts und niemanden mehr, der dieser im Wege stand. Die Stadt fiel beinahe kampflos, die Zitadelle ergab sich nach kurzer Belagerung. Jerusalem war abermals verloren und blieb es, lieber Anton, bis auf den heutigen Tag.“ „Es gab aber doch Versuche, dies wieder zu bereinigen...“ „Ja, schon 1248 brach der französische König Ludwig IX. ‚der Heilige‘ mit seinen Rittern zu einem 6. Kreuzzug auf. Nachdem er 1249 auch in einem Anfangserfolg den mächtigsten orientalischen Herrscher, den Sultan von Ägypten, schlug, zögerte er leider verhängnisvoll lange mit einem schnellen Vorrücken. Schon 1250 war sein Heer durch Verluste und Krankheiten so geschwächt, daß er sich seinen Gegnern ergeben mußte. Der Kreuzzug und die Hoffnungen auf Jerusalem waren damit am Ende, auch wenn Ludwig IX. sich freikaufen konnte und weitere vier Jahre im Heiligen Land verweilte, um den Ausbau einiger Küstenstädte zu überwachen.“ „Trotzdem nahm er 1270 noch einmal das Kreuz!“ „So ist es, welch unglückselige Fügung. Denn kaum in südlichen Breiten starb der große König gleich im selben Jahr an einer Seuche und das Unternehmen war gescheitert. Ohne weitere Unterstützung fiel in Folge eine Kreuzritterfestung nach der anderen (1271 z.B. Krak de Chevalier und Montfort) wie Blätter im Herbst und auch die übrigen werden wohl in den nächsten Jahren noch untergehen...(Tripolis 1289, Akkon, Tyros, Sidon und Beirut 1291).“


„Welch ein fataler Verlust für das Christentum und unsere Kirche!“ „Du sagst es, lieber Anton, aber wir kommen so zu dem zurück, was ich anfangs sagte: Die Kirche ist nur so stark wie ihre Unterstützung durch weltliche Kräfte. Wenn diese sich andere Ziele suchen...“ „Ihr wollt sagen, daß das Interesse der Mächtigen sich vom Heiligen Land abgewendet hat?“ „Ja, lieber Anton. Und da brauchen wir sozusagen nur vor die eigene Haustür zu schauen, denn Kreuzzüge und Ordensritter gibt es noch immer, ihre Energie richtet sich lediglich in eine neue Richtung.“ „Die Eroberung des Ostens!“ Richtig, Anton. Aber auch hier folgt gerade, ähnlich wie bei den Maßnahmen gegen die Ketzer, auf eine zunächst friedfertige Entwicklung zunehmend kriegerisches Vorgehen.


Die Geschichte reicht zurück in das 12. Saeculum, als Kaiser Lothar III. von Supplinburg den Geschlechtern der Schauenburger, Wettiner und Askanier nordöstliche Territorien zuwies. Auch erzählte ich dir bereits (2. Abschnitt) von Heinrich dem Löwen, der die Pommern unterwarf (bis 1167). Dennoch wäre die Überschreitung der damaligen Elbe-Saale-Reichsgrenze nach Osten keine solche Erfolgsgeschichte geworden, wenn sie nicht eng mit den Namen von zwei weiteren Mönchsorden verbunden gewesen wäre: Den 1120 gegründeten Prämonstratensern und den 1119 vom Papst bestätigten Zisterziensern. Das neu zu besiedelnde Land war zwar nicht menschenleer, doch die nicht sehr zahlreichen einheimischen Slawen hatten bisher nur unzureichende landwirtschaftliche Kenntnisse. Insbesondere die Zisterzienser verdienten mit Zähigkeit und Fleiß nun deren Anerkennung, da sie durch ihre Tätigkeit nicht nur fruchtbares Land urbar machten, sondern auch die Einheimischen in den neuen Techniken unterwiesen. Bald schon riefen slawische Fürsten in Böhmen, in Pommern und in den polnischen Herzogtümern deutsche Bauern und Neusiedler in ihre Länder. Es erfolgten zahllose neue Klostergründungen und geplante Ansiedlungen. Auch durch die Empfehlung des damals bedeutenden Abts Bernhard von Clairvaux (1090-1153) kam es in den nächsten einhundert Jahren zu einer friedvollen Durchdringung der slawischen Gebiete. Ganze Landstriche fielen unter deutsches Recht und viele slawische Städte wiesen deutsche Gemeinden auf. Sogar im Königreich Ungarn gab es schließlich zu Beginn unseres Saeculums freie Siedlergruppen aus Bayern und Franken, in einem Gebiet, das als‚Siebenbürgen‘ bekannt wurde.


Ein Ende des harmonischen Mit- und Nebeneinanders zeichnete sich ab, als der Bremer Domherr Albert von Appeldern 1199 Bischof einer nordöstlich gelegenen, slawischen Wildnis namens Livland wurde. Um dieses Gebiet gegen kriegerische Stämme zu halten, sammelte jener nämlich aus dem Heiligen Land heimgekehrte Kreuzfahrer um sich und formte aus diesen den neuen ‚Schwertbrüderorden‘, welchen er sich 1204 von Papst Innozenz III. bestätigen ließ. Bereits 1207 war der neue Orden weitgehend selbständig und unterwarf bis 1230 ganz Livland und Kurland. Leider unterließ man es, im Gefolge friedliche bäuerliche Bevölkerung anzusiedeln wie in den Jahrzehnten zuvor, so daß die benachbarten Slawen das Verhalten des Ordens zunehmend als militärische Landnahme ansahen. Schon 1236 kam es bei Saule zu einer vernichtenden Schlacht gegen von Süden marschierende Litauer, welche beinahe den ganzen kämpfenden Arm der Schwertbrüder niedermachten.


Ähnlich endete das gute Einverständnis im ungarischen Siebenbürgen. Noch im Jahr 1211 hatte der damalige ungarische König Andreas II. dem 1190 im Heiligen Land gegründeten ‚Deutschen Orden‘ das Gebiet angeboten, wenn der Orden im Gegenzug zu Kriegsdiensten bereit war. Dieses Verhältnis verschlechterte sich jedoch auch hier schnell durch das Mißtrauen des slawischen Adels, da es immer wieder zu Konflikten mit den deutschen Rittern kam. Obwohl 1224 selbst Papst Honorius III. noch einzugreifen versuchte, hatte sich alsbald die Stimmung gegen den Orden gewendet. König Andreas II. führte seine überlegene Heeresmacht schließlich gegen die wenigen Ordensburgen, die sämtlich bis 1225 belagert und zerstört wurden.


Der Deutschritterorden hatte jedoch bessere Reserven als die Schwertbrüder, da er auch Besitzungen im Heiligen Land und im Reich hielt. So konnte er bereits 1226 auf den Hilferuf eines weiteren slawischen Fürsten, Konrad I., Herzog von Masowien eingehen. Dieser benötigte Unterstützung gegen den kriegerischen Stamm der ‚Pruzzen‘ (oder ‚Prußen‘). Diesmal aber ließ sich der damalige Hochmeister des Ordens, Hermann von Salza (1209-39), sowohl von Kaiser Friedrich II. (‚Goldene Bulle‘ 1226), als auch von Herzog Konrad I. 1230 bestätigen, daß gewonnenes Land den Deutschrittern zugesichert wurde. Ab 1231 begann der Deutsche Orden darauf mit der Eroberung und Unterwerfung eines zur Ostsee gelegenen Landstrichs namens ‚Kulmerland‘. Noch im gleichen Jahr wurde in Thorum (heute Thorn) die erste Burg errichtet. Die ersten Jahre verliefen äußerst erfolgreich und es gab nur geringe Gegenwehr, da auch Truppen aus anderen Reichsteilen den Feldzug unterstützten. Papst Gregor IX. hatte nämlich für jeden Teilnehmer einen Sündenablaß gewährt, der einem Kreuzzug gleichwertig war. So drangen die Ritter immer weiter nach Nordosten entlang der Ostsee vor, jeder Gebietsgewinn wurde mit Burgenbau gesichert, der hauptsächlich von den unterworfenen Einheimischen geleistet werden mußte. Nun begannen jedoch die benachbarten slawischen Anführer, Widerstand zu leisten. Einem ersten Ansturm fiel, wie ich erzählte, der in Livland operierende Schwertbrüderorden zum Opfer. Seine Überreste wurden 1237 mit dem Deutschen Orden vereinigt. Als 1242 schließlich unter den Prußen selbst der erste große Aufstand ausbrach, rief der mittlerweile amtierende Papst Innozenz IV. 1243 zum vollwertigen Kreuzzug gegen sie auf. Trotzdem folgte eine Zeit der Rückschläge für den Orden, da die Prußen nun ihrerseits Hilfe durch den polnischen Herzog von Pomerellen, Swantopolk II., erhielten. Bis 1250 blieben den Rittern nur die Burgen Thorum, Kulm, Elbing und Balga. Erst 1254 änderte sich die Lage erneut. König Ottokar II. von Böhmen, den ich bereits zuvor erwähnte (2. Abschnitt), eilte dem Deutschen Orden mit einem Heer, das auch viele Ritter aus dem Reich enthielt, zur Seite. Die Burg ‚Königsberg‘ wurde ihm zum Dank gestiftet. Doch schon ab 1260 flammte ein weiterer Prußenaufstand auf und Papst Urban IV. (1261-64) erneuerte den Kreuzzugsaufruf. Als Swantopolk 1266 verstarb und sein Sohn Mestwin II. dessen Feldzug fortsetzte, folgte ein Jahrzehnt voller Chaos und Kämpfe. Gerade erst erbaute Burgen wurden erobert, zurückgewonnen und wieder zerstört. Das Kriegsglück wogte hin und her, sogar vor Kulm und Thorum tauchten 1268/69 wieder slawische Truppen auf. 1271 predigte Papst Gregor X. (1271-76) unerbittlich die Fortsetzung des Kreuzzuges; endlich brachte der harte Winter 1272, der ein Vorrücken des Ritterheers begünstigte, die Wende. Mehrere prußische Anführer wurden getötet oder gerieten in Gefangenschaft und schließlich brach die Gegenwehr in sich zusammen.“
„Ihr hört euch an, als ob dies noch nicht das Ende der Geschichte ist.“ „Nein, lieber Anton, das ist es auch nicht. Erst in den letzten paar

Jahren, zwischen 1276 und 1283 wurden die letzten aufrührerischen Stämme besiegt und viele Slawen flohen in das Großfürstentum Litauen, welches weiterhin eine Bedrohung darstellt. Nun ist Burchard von Schwanden Hochmeister (1283-90) und es wird überlegt, ob man den Hauptsitz des Ordens aus dem bedrohten Akkon im Heiligen Land zurück ins Reich verlegen sollte (so geschehen 1291 nach dem Fall von Akkon zunächst nach Venedig; 1309 dann in die Marienburg, Preußen). Ferner bedarf es vieler tatkräftiger Siedler, um das vom Krieg gezeichnete Land wieder zur Blüte zu bringen. Außerdem erstreckt sich das Interesse des Deutschen Ordens weiterhin noch auf das Grenzherzogtum namens ‚Pomerellen‘, welches aber auch das Seniorherzogtum Polen als sein Hoheitsgebiet ansieht, so daß sicherlich noch nicht vollends friedliche Zeiten gekommen sind (Pomerellenzug 1308/9).“
„Meister, ihr habt mir nun soviel von den Ungläubigen wie Ketzern, Türken und Slawen erzählt und wie die Kirche mit ihnen ringen muß. Was ist eigentlich mit den Juden?“ „Lieber Anton, vielleicht steht es mir als Kirchenmann nicht an, doch möchte ich die sowohl friedfertigen wie auch fleißigen Juden aus obiger Aufzählung gerne herausnehmen. Selbst wenn ich weiß, daß sie in meinem Heimatland England nicht mehr gerne geduldet werden (Vertreibung ab 1290) und daß sie einst, zu Beginn der Kreuzzüge (1096), einen hohen Blutzoll zahlen mußten. Im Deutschen Reich hat Kaiser Heinrich IV. danach bereits 1104 den Juden den Landfrieden zugesichert und Friedrich I ‚Barbarossa‘ und insbesondere sein Enkel, Friedrich II. hielten ihren Schutz aufrecht, indem sie jene unter ‚Kammerknechtschaft‘ stellten. Die Knechtschaft macht die Juden zwar unfrei und waffenunfähig, unterstellt sie aber direkt der Vormundschaft des jeweiligen Herrschers, der sein Recht auch regionalen Fürsten weiterverleihen kann. Diesen Schutz bezahlen die Juden seit 1155 mit der ‚Krönungssteuer‘ bei der Inthronisation jeder Majestät erneut. Ferner sollte dich die Judenfrage nicht zu sehr umtreiben, lieber Anton, da es hier bei uns im Norden kaum jüdische Gemeinden gibt.“ „Wurden denn 1221 in Erfurt und 1235 in Fulda nicht Juden verurteilt, weil sie bei ihren Riten Christenblut vergossen hatten?“ Ach Anton, ich befürchte, dort kündigte sich eine Verrohung der Sitten an, die in den nächsten Jahren eher noch zunehmen wird. Mit dem Niedergang unserer starken Könige und Kaiser, besonders nach dem Interregnum (1254-73), schwindet auch die Sicherheit, die jene den Juden gewähren können. Ich fürchte, wir stehen vor einer Wiederholung der schrecklichen Judenhatz der früheren Kreuzzugsjahre (Pogrome 1283-88 im Rheinland, 1298-1303 in Süddeutschland).“

 

Andere Lande (4.Abschnitt)